Es erging dem Kriege wie dem Fluß, der von Norden her in tobender Eile aus den Bergen kam, schäumend vor Wut über jedes Steinchen, das ihm den Weg vertrat; — und der am anderen Ende, bei den letzten Häusern, doch sanft gerührt Abschied nahm von der Stadt, ganz gebändigt, ganz leise plätschernd, wie auf Fußspitzen, wie eingeschläfert von all’ der Verträumtheit, die er gespiegelt. Breitspurig trat er ins weite Wiesenfeld hinaus, einen Bogen schlingend um das Garnisonsspital, das im Schatten dickleibiger Platanen, wie auf einer Insel stand. Von drei Seiten her mischte sich das Murmeln der trägen Flut in das Rascheln der Blätter, als stimmte der Garten, wenn die Dämmerung auf ihn fiel, mitleidig ein Schlummerlied an für die Geschundenen, die da in Reih und Glied zu leiden hatten, reglementiert bis in den Tod hinein, bis ans Grab, in das man sie, verunglückte Schuhmacher, Klempnergesellen, Bauernknechte und Schreiberseelen, mit großmäuligen Gewehrsalven verscharrte.
Der Zapfenstreich war eben verklungen; die Wache hielt die Runde, stöberte im Schatten der großen Allee drei Nachzügler auf und jagte sie ins Haus.
— Seid’s Ös vielleicht Offiziere, was? — brummte gemütlich polternd der Kommandant, ein stämmiger Landsturmkorporal mit ergrauten Schläfen. — Mannschaft g’hört ins Bett um neune! —
Und nur um seine Würde zu wahren, fügte er mit schlecht gespielter Bärbeißigkeit die Drohung hinzu:
— Alsdann! Is g’fällig oder net? —
Beinahe hätte er die in solchen Fällen übliche Drohung, dem Einen oder Anderen „Beine zu machen“, schon ausgesprochen, aus Gewohnheit; doch konnte er im letzten Moment den Satz noch verbeißen, und schnitt ein Gesicht, als hätte er sich verschluckt. Denn die Drei, die nun ergeben dem Mannschaftseingang zuhumpelten, hätten gewiß nichts einzuwenden gehabt gegen das Beinemachen. Sie krochen, zu dritt, auf zusammen zwei Füßen und sechs klappernden Krücken. Als hätten Regisseurhände, ängstlich um Symmetrie besorgt, das lebende Bild gestellt, ging rechts Einer, der nur sein rechtes Bein behalten hatte, links sein Pendant, auf dem linken Fuße hüpfend; und in der Mitte schaukelte, zwischen zwei hohen Krücken, der armselige Rest eines Menschenleibes, die leeren Hosenbeine übers Kreuz auf die Brust gesteckt, so kurz, daß der ganze Mann in einer Kinderwiege Platz gefunden hätte.
Mit gesenktem Kopf und geballten Fäusten, wie geduckt unter der Last des Anblicks, starrte der Korporal der Gruppe nach, knurrte einen Fluch, der nicht gerade patriotisch klang, und spie in weitem Bogen zischend durch die Vorderzähne. Als er sich zum Gehen wandte, schlug vom anderen Ende des Gartens, aus der Richtung des Offiziersflügels, schallendes Gelächter an sein Ohr. Versteinert blieb er stehen, zog den Kopf ein, wie aufs Genick geschlagen, und über sein breites, gutmütiges Bauerngesicht huschte ein Schein von unbändigem Haß. Er spie noch einmal aus, um sich zu beruhigen, nahm einen Anlauf, und passierte, stramm salutierend, die lustige Gesellschaft.
Die Herren dankten lässig. Sie saßen, — angesteckt von dem Behagen, das wie eine Wolke über dem ganzen Städtchen schwebte, — fröhlich plaudernd auf vier, zu einem Quadrat zusammen geschobenen Bänken vor dem Hause, sprachen vom Krieg und — lachten, wie vergnügte Schulkinder, die freudig von überstandenen Prüfungsängsten schwatzen. Jeder hatte seine Pflicht getan, sein Teil abbekommen, und saß nun, im Schutze seiner Wunde, in molliger Erwartung auf Heimurlaub, Wiedersehen, Gefeiertwerden, und wenigstens zwei ganze Wochen als unnumerierter Mensch.
Am lautesten lachte der junge Leutnant, den sie „Musulmann“ nannten, wegen seiner mohamedanischen Kopfbedeckung als Offizier eines Bosnjakenregiments. Eine herabsausende Hülse hatte ihm das linke Bein gebrochen, und gründlich, denn es lag seit Wochen schon verschient und eingewickelt in starrer Gipshülse, sorgfältig gehegt von seinem Besitzer, der es, auf Krücken gestützt, wie einen fremden, ihm anvertrauten Wertgegenstand mit sich trug.
Auf der Bank gegenüber dem Musulmann saßen zwei Herren: ein Rittmeister — der einzige Aktive in der Gesellschaft — mit einem Querschläger im rechten Arm, und ein Artillerieoffizier, in Zivil Privatdozent der Philosophie — daher kurz „Philosoph“ genannt — mit einer schon verheilenden Hasenscharte, die ihm ein Granatsplitter in die Oberlippe gerissen. Diese drei bestritten, mit den zwei Damen auf der Bank, die an der Mauer stand, allein die Unterhaltung; denn der vierte: Landsturmleutnant mit gelichtetem Hinterkopf, bekannter Opernkomponist in Zivil, saß versunken, mit zuckenden Gliedern und unstet irrenden Augen auf seiner Bank, ohne Anteil zu nehmen am Gespräch. Er war vor einer Woche erst eingeliefert worden, mit einer schweren Nervenerschütterung, die er sich auf dem Doberdo-Plateau geholt. In seinem Blick kauerte noch das Grauen. Finster vor sich hinbrütend ließ er willenlos alles mit sich geschehen, ging zu Bett, oder saß im Garten, von den anderen wie durch eine unsichtbare Wand getrennt, auf die er stierte. Selbst die unverhoffte Ankunft seiner hübschen, blonden Frau hatte die Vision des grausigen Erlebnisses, das ihn aus dem Gleichgewicht gebracht, für keinen Augenblick verscheuchen können. Das Kinn auf der Brust, ließ er die geflüsterten Koseworte seiner Frau ohne ein Lächeln über sich ergehen, rückte, wie von einem Krampf gepackt, wie gepeinigt bei Seite, so oft sie, mit unendlich viel Liebe in den Fingerspitzen, ängstlich eine Berührung mit seinen armen, zitternden Händen suchte.