Diese Narren da unten, die für respektsvolle Kondolenzbesuche, anerkennenden Augenaufschlag, Glanz und Wärme ihres Lebens opfern, — ihr Fleisch und Blut in den Stacheldraht werfen, — als Aas auf dem Felde faulen und angeln lassen, ohne anderen Trost als den: dem „Feinde“ das Gleiche angetan zu haben; — diese Narren bleiben frei, und dürfen mit ihrer armseligen Eitelkeit und lästerlichen Geduld täglich neue Hekatomben vor die Kanonen hinausschieben! Ich aber muß ohnmächtig hier sitzen, — allein mit dem unerbittlichen Kameraden, den mir mein Gewissen täglich neu gebärt.
Ich stehe am Fenster — und zwischen mir und der Straße liegen hochgeschichtet die Leiber der Vielen, die ich bluten gesehen. Machtlos stehe ich da, — denn der Revolver, den man mir gegeben, damit ich heimwehgeplagte arme Teufel, die eisernes Muß in andersfarbige Uniformen gesteckt, über den Haufen knalle, — wurde mir hier abgenommen, aus Angst: ich könnte einige Massenmörder aufstöbern in ihrer Sicherheit und als warnendes Exempel zu ihren Opfern schicken.
So muß ich hier harren, als Seher über den Blinden, — hinter meinen Gitterstäben; und kann nichts weiter tun, als diese Blätter dem Winde übergeben, — Tag für Tag von neuem niederschreiben und immer wieder hinausstreuen auf die Straße.
Unermüdlich will ich schreiben. Die ganze Welt übersäen! Bis in allen Herzen der Samen aufgeht, bis in allen Schlafstuben — gespenstisch blau — ein lieber Toter seine Wunden zeigt; und endlich, — endlich, als herrliches Erlösungslied der Welt, der millionenstimmige Wutschrei: „Men-schen-sa-lat!“ unter meinem Fenster erklingt.
Heldentod
Der Herr Stabsarzt hatte nicht verstanden. Er schüttelte ärgerlich den Kopf und sah, über den Kneiferrand, fragend auf seinen Assistenten hinab.
Der blonde Oberarzt schwieg schüchtern und stramm, denn er hatte auch nicht verstanden.
Nur der Bursche, am Fußende des Bettes, schien immer noch einigen Kontakt zu haben mit den Wahnvorstellungen seines Herrn, denn auf den Spitzen seines aufgewichsten Schnurrbartes glitzerten, wie aufgespießt, zwei Tränentropfen. Aber der Bursche sprach nur ungarisch, und so ließ ihn der Herr Stabsarzt mit einem halblauten „dummes Luder“, neben dem Bett stehen und schob sich, gefolgt von der semmelblonden Schüchternheit, schwitzend und pustend in der Richtung des Operationszimmers weiter.
Die ungeheuerliche Wattekugel, die, laut der Tafel über dem Bette, den Kopf des Oberleutnants der Reserve Otto Kadar vom Feldartillerieregiment No . . . . in ihrem Innern barg, sank, als die Ärzte gegangen waren, auf die Kissen zurück. Miska setzte sich wieder auf seinen Rucksack, schnupfte die Tränen hoch und dachte, den Kopf zwischen die großen, ungewaschenen Hände gepreßt, verzweifelt über seine Zukunft nach. Denn, daß es mit dem Herrn Oberleutnant nicht mehr lange dauern könne, darüber war er sich im klaren. Er wußte ja, was unter der riesigen Wattekugel verborgen lag; hatte die zertrümmerte Schädeldecke gesehen, und das fürchterliche graue Gekröse unter den blutigen Splittern: das Gehirn des armen Herrn Oberleutnant, der so ein gar guter Mensch und Vorgesetzter gewesen. Ein zweites Mal durfte er auf so ein Mordsglück nicht hoffen. Ein zweites Mal gab es solch einen seelenguten Herrn überhaupt nicht mehr! Die vielen, vielen Scheiben Salami, die ihm der Herr Oberleutnant von seinem eigenen Vorrat immer geschenkt, — die sanften, warmen Worte, die er ihn hatte jedem Verwundeten zuflüstern hören, — alle Erinnerungen der langen, blutigen Zeit, die er, fast als Kamerad, an der Seite seines Herrn stumpfsinnig durchgelitten hatte, stiegen jetzt in ihm auf. Er tat sich ganz furchtbar leid, der gute Miska, in seiner grenzenlosen Wehrlosigkeit gegenüber der großen Kriegsmaschine, in die er nun irgendwo von neuem hineingeworfen werden sollte, ohne der sicheren Stütze des guten Herrn Oberleutnant an seiner Seite.
So kauerte er, den breiten Bauernschädel zwischen den Fäusten, wie ein Hund, zu Füßen seines sterbenden Herrn, und auf den Spitzen seines, mit Staub und Pomade festgekleisterten Schnurrbarts, spießten sich in sanfter Folge die herabrollenden Tränen auf.