Die Freunde der Familie sowie diese selbst sahen nur zu gut, was zu befürchten wäre, wenn dem dreimaligen Verlangen des Herzogs, das man nun als einen Befehl annehmen mußte, nicht Folge geleistet würde, und mit zerrissenem Gemüt fügte sich endlich auch der Sohn, um seine Eltern, die kein anderes Einkommen hatten, als was die Stelle des Vaters abwarf, keiner Gefahr auszusetzen.
Man mußte also den Ausspruch des Gebieters erfüllen und konnte sich für das Aufgeben so lange genährter Wünsche nur dadurch einigermaßen für entschädigt halten, daß die weitere Erziehung des Jünglings keine großen Unkosten verursachen und eine besonders gute Anstellung in herzoglichen Diensten ihm einst gewiß sein würde.
Was noch weiter zur Beruhigung der Mutter und Schwestern beitrug, war die Nähe des Institutes; die Gewißheit, den Sohn und Bruder jeden Sonntag sprechen zu können; dann die große Sorgfalt, welche man für die Gesundheit der Zöglinge anwendete, und die vertrauliche, sehr oft väterliche Herablassung des Herzogs gegen dieselben, durch welche die strenge Disziplin um vieles gemildert wurde.
Mißmutigen Herzens verließ der vierzehnjährige Schiller 1773 das väterliche Haus, um in die Pflanzschule aufgenommen zu werden, und wählte zu seinem Hauptstudium die Rechtswissenschaft, weil von dieser allein eine den Wünschen seiner Eltern entsprechende Versorgung einst zu hoffen war. Aber sein feuriger, schwärmerischer Geist fand in diesem Fache so wenig Befriedigung, daß er es sich nicht verwehren konnte, dem Bekenntnis, welches jeder Zögling über seinen Charakter, seine Tugenden und Fehler jährlich aufsetzen mußte, schon das erste Mal die Erklärung beizufügen: »Er würde sich weit glücklicher schätzen, wenn er seinem Vaterland als Gottesgelehrter dienen könnte.«
Auf diesen ebenso schön als bescheiden ausgesprochenen Wunsch wurde jedoch keine Rücksicht genommen. Das Studium der Rechtswissenschaft mußte fortgesetzt werden und wurde auch mit allem Fleiß und Eifer von ihm betrieben. Aber nach Verlauf eines Jahres beschied der Herzog den Vater Schillers wieder zu sich, um ihm zu sagen: »daß, weil gar zu viele junge Leute in der Akademie Jura studierten, seinem Sohne eine so gute Anstellung bei seinem Austritt nicht werden könne, wie er selbst gewünscht hätte. Der junge Mensch müsse Medizin studieren, wo er ihn dann mit der Zeit sehr vorteilhaft versorgen wolle.«
Ein neuer Kampf für den Jüngling! Neue Unruhe für seine Eltern und Geschwister! Schon einmal hatte der zartfühlende Sohn aus Rücksicht für seine Angehörigen die Neigung zu einem Stande aufgeopfert, den ihm die Vorsehung ganz eigentlich bestimmt zu haben schien. Jetzt sollte er ein zweites Opfer bringen. Er sollte, nachdem er ein volles Jahr der Rechtswissenschaft gewidmet, ein anderes Fach ergreifen, gegen das er die gleiche Abneigung wie gegen das zuerst erwählte an den Tag legte. Jedoch der beugsame, kindliche Sinn, der ihn auch später in allen Vorfällen seines Lebens nie verließ, machte ihm diesen schweren Schritt möglich, und er unterwarf sich dem, was man über ihn bestimmt hatte.
Für den Vater war es zugleich nicht wenig lästig, daß er die zahlreichen, zum Rechtsstudium erforderlichen Werke ganz unnützerweise angeschafft hatte und nun für das neue Fach noch viel größere Ausgaben machen mußte, indem nur den gänzlich Unvermögenden die nötigen Bücher von der Akademie verabfolgt wurden.
Als der junge Schiller in die Klasse der Mediziner übertreten mußte, war er in seinem sechzehnten Jahre, und so ungern er auch die neue Wissenschaft ergriff, indem er nicht hoffen konnte, sich jemals recht innig mit ihr zu befreunden, so fand er sie doch nach kurzer Zeit um vieles anziehender, als er sich vorgestellt hatte; denn die verschiedenen Teile derselben, so trocken auch ihre Einleitung sein mochte, behandelten doch alle ohne Ausnahme die lebendige Natur und versprachen ihm einst bei dem Menschen neue Aufschlüsse über die Wechselwirkung des Körperlichen und des Geistigen aufeinander. Sein schon von Jugend auf sehr starker Hang zum Forschen, zum tiefen Nachdenken, wurde durch die Hoffnung angefeuert, hier einst Entdeckungen machen zu können, die seinen Vorgängern entschlüpft wären, oder daß es ihm vielleicht gelingen würde, die in so großer Menge zerstreuten Einzelheiten auf wenige allgemeine Resultate zurückzuführen. Aber bei allen diesen reizenden Vorahnungen und ungeachtet der vorgeschriebenen Ordnung, die auch sehr streng gehalten werden mußte, benutzte er doch jede freie Minute, um sich mit der Geschichte, der Dichtkunst oder den Schriften zu beschäftigen, welche den Geist, das Gemüt oder den Witz anregen, und vermied solche, bei denen der kalte, überlegende Verstand ganz allein in Anspruch genommen wird. Unter den Dichtern war es Klopstock, der sein Gefühl, das noch immer am liebsten bei den ernsten, erhabenen Gegenständen der Religion verweilte, am meisten befriedigte. Seinen eignen Genuß an diesen Werken suchte er auch seiner ältesten Schwester wenigstens in dem Maße zu verschaffen, als es durch briefliche Mitteilung in Erklärung der schönsten und schwersten Stellen möglich war. In seiner jugendlichen Unschuld, den hohen Stand noch gar nicht ahnend, zu dem ihn die Vorsehung erwählt und mit allen ihren göttlichen Gaben so überschwenglich reich beteilt hatte, konnte er wohl öfters die entschiedene Neigung für dichterische oder andere Geisteswerke als eine bloße Belustigung für seine Phantasie betrachten und sich Vorwürfe darüber machen, wenn dadurch so manche Stunde seinem Berufsstudium entzogen wurde. Aber eine innere, beruhigende Stimme rief ihm dann zu: ist der große Arzt, der große Naturforscher Haller nicht auch zugleich ein großer Dichter? Wer besang die Wunder der Schöpfung schöner und herrlicher als Haller?
»Du hast den Elefant aus Erde aufgetürmt,
Und seinen Knochenberg beseelt,«
war ein Ausdruck, den Schiller nebst so vielen andern dieses Dichters nicht nur damals, sondern auch dann noch mit Bewunderung anführte, als seine erste Jugendzeit längst verflogen war.