»Was für ein Zeug?«

»Das weiß ich nicht, Herr ... es war schon drin bei mein' Vater selig.«

Darauf erhob sich Stephan und schaute in die Truhe. Am Boden derselben lagen ein paar weiße, vergilbte Fetzen Papier. Er nahm sie heraus und sah, daß sie beschrieben waren. Als er sie aber umdrehen und lesen wollte, bröckelten sie unter seinen Fingern. Behutsam legte er sie auf den Tisch, und nun sah er, daß es Gedichte waren. Der Schreiber mußte sich endlose Mühe genommen haben, denn die Titel und die einzelnen Strophen waren mit kunstvollen Schnörkeln verziert. Die Schrift selbst aber war einfach, kindlich und ohne Mühe lesbar:

Verwandlung
Was ist geschehen? Ich fass' es nicht.
Zu Tale dränget sich alles Licht,
Zu Tale dränget, was tausend Jahr
Da oben gewöhnt und zu Hause war.
Zu Tale dränget sich Wolk' und Wind,
Zu Tale neigt sich jed' Blumenkind,
Und, was das Wunderlichste von allen,
Selbst die Berge, die möchten fallen,
Möchten nicht mehr in den Himmel hinein,
Möchten nur unten, nur unten sein.
Zweite Verwandlung
Alles um mich ist so fremd, so neu,
Tut so seltsam, daß ich scheu
Am eigenen Haus vorübergeh,
Am eigenen Feld vorüberseh,
Weil die Mauern und die Schollen
Plötzlich reden, plötzlich wollen
Eine goldne Brücke sein
In ein goldnes Schloß hinein.
Sehnsucht
... und weil alles so seltsam tut,
Bin ich selber so seltsam geworden,
Träume von Kronen, träume von Orden,
Träume von Ketten, träume von Ringen,
Träume von lauter goldenen Dingen ...
Träume von einem weißen Kleide,
Halb aus Spitze und halb aus Seide,
Und von Federn, die wehend ragen,
Wie sie die vürnehmsten Frauen tragen ...

Und unter jedem Gedicht stand »Adalbert«.

Als Stephan alles noch einmal gelesen hatte, deckte er die weißen Fetzen mit den Händen zu und blickte auf den Alten, der beim Herd stand und sein Mus kochte.

»Michl!«

»Ja, Herr.«

»Kannst du lesen?«

Er machte das Zeichen des Kreuzes gegen diese sündhafte Zumutung.