Und so oft einer von den Klausen die Aufschrift sah, dachte er an den toten Vater und lächelte bitter. Andere Leute aber, die des Weges kamen, blieben vor dem Bau bewundernd stehen, und die Träumer unter ihnen meinten, daß nur bevorzugte Menschenkinder mit heiterem Herzen und sorglosen Sinnen dieses Haus bewohnen würden. – Vorläufig aber wohnte niemand drinnen.
Der Winter stand hinter den Bergen und hatte seine ersten schweren Stürme bereits herübergeschickt. Nicht lange danach kam er selbst, hetzte seine Nebelschwaden wie Hunde auf die Sonne und pflanzte, als sie nach langem Kampfe ihre Königskrone dem Sieger vor die Füße legte, in den Feldern, in den Wäldern, auf den Wiesen, auf den Matten seine weiße Fahne auf.
Da wurde es still auf der Höhe und still im Klausenhof.
Die Knechte und Mägde arbeiteten zwar wie früher, aber über ihrem ganzen Tun und Gehaben lag eine ernste Bedächtigkeit, die gut übereinstimmte mit dem feierlichen Ebenmaß, das der Schnee ringsum geschaffen hatte. Alles Schroffe war verschwunden, alle Gegensätze waren fort. In langen, weichen Wellenlinien erstreckte sich der Berg bis zu den Wäldern, und der Klausenhof, der sonst so breit und stattlich auf seiner Höhe stand, sah aus wie ein verschneiter Vogel, der sich frierend niederduckt.
Drinnen aber war es warm und gemütlich. In dem mächtigen Kachelofen brannten Tag und Nacht große, duftende Scheite, und von morgens bis abends surrten die Spinnrocken der beiden Schwestern daneben. Therese sollte nächstes Frühjahr Hochzeit halten, da mochte wohl das Rädchen surren! Ein heimlicher Liebeszauber hatte nun endlich die stolze, nüchterne Klausin ergriffen, und sie spann die Träume aller Bräute in die groben Fäden ein. Maria, sanft und gut wie immer, sann auch viel über die Zukunft ihrer Schwester. Dabei ließ sie nun schon öfters die schlanken Hände von dem Rocken gleiten und ertappte sich auf fremden, drängenden Gedanken. Der vorwurfsvolle Blick Theresens, die Müßiggang nicht leiden konnte, brachte sie dann erst zurück, und hastig, mit doppeltem Eifer, nahm sie die Arbeit auf. – Die Mutter kränkelte seit dem Herbst und war nicht mehr so rüstig wie früher. Maria umgab sie mit zärtlichster Sorge, aber so dankbar auch die alte Frau für alle Liebe war, erhielten ihre Augen doch erst den rechten Glanz, wenn sie am Abend Stephans Schritt im Flur vernahm. Dann wurde sie gesund, wurde jung und bemühte sich um ihn mit rührender Geschäftigkeit. Das aber verdroß Maria aus geheimer Eifersucht. Sie sprang dann auch schnell vom Rocken, lief in die Küche und bemächtigte sich der Dinge, die sie zur Herstellung seines Abendbrotes brauchte. Stephan besänftigte mit einem raschen Lächeln den aufwallenden Groll der Mutter, zog aus seiner Jagdtasche einen seltenen Vogel oder ein schönes Stück Wild und erzählte, wie er dazu gekommen sei. Dabei aber sah er durch die offene Tür in die Küche nach Maria, die mit geröteten Wangen und leuchtenden Augen, funkenumsprüht beim Herde stand. Dann wunderte und freute er sich über ihre Schönheit und dachte an die Zukunft. Dachte, wie er und Maria allein hier am Hofe bleiben würden, wenn Therese ging ... und später die Mutter auch ... Und bei dem letzten Gedanken drängte er sich näher an die alte Frau ... Während alledem Therese spann. Ihr Blick war hart wie immer, und schärfer als gewöhnlich lag um ihren Mund der strenge Zug der Klausen. Sie spürte den stummen Kampf der Liebe und der Eifersucht, den die drei miteinander führten, und sie konnte die Mutter, die Schwester und den Bruder nicht verstehen. –
Heute blieb Stephan ungewöhnlich lange aus. Die Bäuerin begann schon unruhig auf und ab zu wandern, und Maria horchte beständig nach der Türe. Endlich kam er. Sie hörten, wie er draußen den Schnee von den Stiefeln stampfte. Es mußte aber noch jemand mit ihm gekommen sein, denn es erklangen viele Tritte. Therese hielt einen Augenblick im Spinnen inne, und in Marias Wangen stieg ein feines Rot. Dann ging die Türe auf, und Stephan und zwei Männer traten ein. Der eine von den Besuchern war Theresens Bräutigam, ein wohlhabender Bauer aus der Nachbarschaft, und der zweite war ein junger Jäger. Therese begrüßte ihren Bräutigam mit einer schönen Wärme in den sonst wechsellosen Augen und ging dann in die Küche, um den Männern mit einer warmen Speise aufzuwarten.
Maria grüßte die Besucher mit zwangloser Freundlichkeit, zeigte sich aber ein wenig scheu dem Jäger gegenüber und vermied, soviel es ging, den Blick des Bruders. Dann begann sie der Schwester zu helfen. Geschäftig, aber ohne Hast ging sie hin und her, stellte die langen Bänke rings um das Feuer, deckte den Tisch, brachte Brot und Wein und beteiligte sich hier und da mit einigen Worten am Gespräch. Nach dem Essen ließen sich die drei Männer auf den Bänken um das Feuer nieder; die Bäuerin machte es sich in ihrem Großvaterstuhl bequem; die Mädchen setzten sich wieder an ihre Rocken, und nun wurde die Unterhaltung eine allgemeine.
Stephan erzählte von frischen Schlägen im Wald, Theresens Bräutigam berichtete von einer jungen Magd, der Geisler-Toni, die er wegen Diebereien fortgejagt hatte, und der Jäger sprach über sein Gewehr. Er streichelte den langen, glänzenden Lauf und sagte:
»Es ist das beste Gewehr im Land. Oft genug schon hätte ich es teuer verkaufen oder gegen ein feineres, neueres umtauschen können. Ihr solltet gehört haben, wie beim letzten Scheibenschießen der Oberförster aus Deutnofen darum feilschte. Zum Schluß versprach er mir sogar eine Försterei.«
»Welche?«