Ohne Scham, ohne Zögern, sprach sie das letzte Wort, und alle wußten nun, wer sie war. Den Bauern schienen der flehende Ton und die bittenden Worte bereits milder gestimmt zu haben, denn die zornige Röte wich aus seinen Wangen, und fragend blickte er Therese an. Diese aber trat hastig vor und sagte:
»Ihr habt einen weiten Weg gemacht, aber Ihr habt ihn umsonst gemacht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.«
Da schämte sich ihr Verlobter seiner Schwäche, und während er Theresens Hand erfaßte, wie sich an ihrer Stärke zu erhärten, sagte er:
»Ja, sie hat recht. Diebe kann man nicht auf ehrlichen Höfen brauchen.« Da trat in Tonis Augen ein böses Licht, und während Schaum von ihren Lippen spritzte, schrie sie: »So seid verflucht!«
Dann war sie fort, und in das Zimmer drang wieder der eisige Wind, den sie zuerst gebracht hatte und unter dem die Zurückgebliebenen zu erstarren schienen, denn keines regte sich. Abergläubisch, wie alle Bergbewohner, hatten die Worte des Mädchens ihre Wirkung auf sie nicht verfehlt. Stumm, mit eingehaltenem Atem sahen sie einander an.
Die Bäuerin war die erste, die sich ermannte. Langsam, andächtig bekreuzte sie sich, und Maria tat das gleiche. Die Männer hoben die Hände, hielten sie unschlüssig in der Luft und ließen sie wieder sinken ... sie waren keine Feiglinge, aber so ein Fluch ist etwas Schreckliches ... und heimlich, voneinander abgewendet, machten sie das Kreuz. Nur Therese nicht. Ihre Wangen waren bleich bis an die Lippen, aber Blick und Gebärde ruhig, unerschüttert. Mit Fraueninstinkt fühlte sie, um was es jetzt ging. Um Herzensruhe. Um Herzensglück. Ohne ein Wort zu reden, setzte sie sich wieder an den Rocken und nahm die Arbeit auf. Aber ihre Hände zitterten, und der Faden riß hintereinander. Maria legte frische Scheite in den Herd, und die Männer versuchten es wieder mit dem Reden. Es kam jedoch nichts Rechtes mehr dabei heraus, und schließlich brachen die Besucher auf. Therese begleitete ihren Bräutigam über den verschneiten Hof bis an das Tor. Dort blieben sie trotz der Kälte stehen, und der Bauer nahm ihre Hände. Er spürte, daß sie eiskalt waren, und rieb sie sachte an den seinen. Dabei fragte er: »Fürchtest du dich?« Da sah sie ihn voll an und sagte fest »Nein«.
Darauf nickte er, und sie trennten sich. Als Therese dann aber allein in ihrer schmucklosen Kammer war, entzündete sie eine geweihte Kerze und stellte sie vor dem Bildnis des heiligen Benediktus auf. Dabei flüsterte sie: »Heiliger Benediktus, der du Vieh und Leute vor Zauberei beschützest, schirme und bewahre uns.«
Das tat sie jeden Abend den ganzen Winter durch bis zu ihrem Hochzeitstag. – Der kam mit dem Föhn und den Schneeglocken. Aber es waren unverläßliche Frühlingszeichen. Der Winter saß noch fest im Land. Therese hatte den ganzen Tag ein Gefühl von Glück und Beschämung. Sie war das Getue um sich nicht gewohnt, und nun drehte sich schon seit einer Woche alles um sie. Jedes zweite Wort hieß Therese, und all die neuen, hübschen Dinge, die überall herumlagen, gehörten ihr. Gestern, am Vorabend des großen Tages, kam Maria ganz spät in ihre Kammer, blieb eine Weile verlegen stehen, fing dann zu weinen an und bat Therese, ihr zu verzeihen. – Was? Therese konnte sich auf kein Unrecht der Schwester besinnen, und ihr wurde hilflos zu Mute. – Es gab doch nichts zu verzeihen. – Daß sie einander nie so recht verstanden hatten, dafür konnte niemand. Stephan und Maria waren eben anders als die andern Klausen. Sie dachte plötzlich an den Vater und wurde ernst im Gedanken, daß er diesen Tag nicht mehr erlebt hatte. Er hätte sich darüber gefreut ... heimlich zusammen hätten sie sich darüber gefreut, wie die andern zwei sich immer freuten ... Herb, hart, feindselig leuchtete es einen Moment in ihren Augen auf. Dann aber trieb sie die uneinigen Bilder fort, faßte Marias Hände und sagte freundlich:
»Du warst ja immer gut, Maria.«
Und heute! Heute wich Maria keinen Schritt von ihrer Seite, nahm ihr jede Arbeit aus der Hand und erinnerte sie tausendmal, daß sie in ein paar Stunden Hochzeit habe. Und gegen Mittag schritten sie Hand in Hand in Theresens Stübchen, wo auf dem schmalen Mädchenbett das Ehrenkleid aus schwarzer, starrer Seide lag. Da kam es wie eine Verwandlung über das steife, ältliche Mädchen. Ihre Wangen begannen sich zu färben, ihre rauhen Finger fuhren über den glänzenden Stoff, und plötzlich drückte sie das Gesicht tief in die knisternde Seide. Maria hatte Therese nie so weich, so haltlos gesehen und umschlang sie wie in Angst. Das brachte Therese zu sich. – »Weißt du, Maria,« sagte sie, mit den Augen fest auf dem Kleid, »manchmal glaube ich, ich verdiene es gar nicht!«