Mit ihm aßen ein paar Adspiranten2 der kleinen Bahnstation, ein junger Schreiber und der unverheiratete Bahnmeister. Doch stets blieben die beiden Stühle rechts und links vom Herrn Buchhalter leer, das war der Brauch von Anbeginn gewesen, und daran durfte nicht getippt werden. Während der Mahlzeiten hatte der Tisch zu schweigen, das heißt, er sprach nicht und verbat sich auch nachdrücklich eine lautere Unterhaltung. So wurde also am Tisch unten nur gewispert, man bot sich mit stummem Nicken die Platten und begehrte säuselnd nach Brot und Bier. Wie ein frischer Wind wehte in diese gedrückte Atmosphäre stets die resche Art einer neuen Kellnerin herein, die mit voller Naivetät und, der Pflichten ihres Amtes bewußt, die Herrn zum »Dischkriern« animieren wollte, und voll Heiterkeit mit ihrer Unterhaltungsgabe wie eine Fregatte mit vollen Segeln an dem Tisch landete. Zuerst legte er die Zigarre weg; dann stemmte er den linken Arm ein, seine blanken, kleinen Augen fuhren wie Blitze hin und her, und alsbald brach auch schon das Donnerwetter los.
»Jetz' schaugt's ma dö an! Na, frei' di' ner3, Madl, i' werd' dir Mores lehren! So a G'schroa machen! Du ungebildete Bersohn! Wos? – Stad bist! Ball4 i' red', hot a jed's stad5 z' sein, verstanden?« – Eine einzige hatte es je gewagt, ihm sofort prompt zu erwidern, beide Arme einstemmend und ihn auch gehörig anblitzend: »Jö, schaugt's den an, den z'widern Raunzer6! I' tua, wos i mog, und von dir laß i' mir nix anschaffen.«
Aber sie wurde augenblicklich von der Strafe ereilt. Mit einem Satz war er in der Höhe, und so sehr sich die im übrigen Handfeste wehrte, hatte er sie mit einem einzigen Griff beim Halse gepackt und hinausgedreht. Da er kleiner war als sie und bei der Prozedur verschiedene Tritte und Püffe abkriegte, war es für die aller Pietät baren, frivolen Adspiranten eine solche Wonne, daß sie die Füße auf die Stühle zogen und sich in die Zunge bissen, um nicht gerade herauslachen zu müssen, während der kleine Schreiber, der schon von Amts wegen darauf eingeübt war, lautlos grinste, und der Bahnmeister, etwas schwerfälligeren Temperaments, mit offenem Maul dem hochnotpeinlichen Halsgericht zusah.
Diese eine, die aller Tradition solchergestalt Hohn gesprochen, mußte auf kategorischen Wunsch des Herrn Buchhalters entlassen werden. Der Wirt leistete zu Anfang energischen Widerstand, denn alle übrigen Eigenschaften der Hebe standen ganz im Einklang mit ihrer Handfestigkeit und stempelten sie zum Ideal einer Kellnerin.
Aber der »Buachhalter« drohte, das Haus »nie mehr zu betreten« – es war eine der dramatischsten Szenen seines Lebens; schließlich war er der älteste Stammgast, der Wirt unterlag also der Übermacht seiner Persönlichkeit, achselzuckend und mit der Miene, wie man etwa einem ungezogenen Kinde nachgibt.
Am Stammtisch hatte die Sache ein Nachspiel, als der »Buachhalter« um die gewöhnliche Zeit verschwunden war. Alles ging da außer Rand und Band, »es lösten sich alle Bande frommer Scheu«, es war die reinste Meuterei.
Über den Wirt ging's her vorerst, denn die »Resche« hatte ihnen samt und sonders den Eindruck gemacht, wie wenn man sie unbedingt da lassen müsse, und wenn's nur wäre, um ein Gegengewicht gegen »den da oben« zu haben.
»So a Hanswurscht, der Wirt! Na, so 'was! Aber gar koan Kurasch. Der hätt' i sein mög'n, i hätt' anderscht aufg'muckt. Herr di Gatti, dem hätt' i 's zoagt! Was is denn dös iwerhaupt's für a Wirtschaft? Is denn ner der da? Zahl'n mir unser Zeig net grad a so wie der? Wenn mir g'sagt hätten, mir möchten 's Madl b'halten, was er epper7 da g'macht hätt'!? Dös war' a Hetz' word'n! Mir derften uns schließli' nimmer z' schnaufen trau'n. War uns scho' z' dumm! Mir san a so viel wia der da herinnet, und mir leiden amal dös nimmer, jetz' muaß 's anderscht geh'n!«
So schrien und schimpften und brüllten sie durcheinander, schauten sich kampfmutig und mit roten Köpfen an und hieben auf den Tisch, daß die Gläser sprangen.
Da tat sich die Türe auf, der Herr Buchhalter erschien aufs neue, zwickte die Äuglein zusammen, und ein paar Hohnfalten liefen vom Mund abwärts, als er die aufgeregten »Mander« sah.