Olga Radó merkte sicher an einem Wort, wes Geistes Kind einer war. Vielleicht hatte sie etwas von ihr erwartet, weil sie ein bißchen anders aussah als die anderen.

Mette stand prüfend vorm Spiegel. Sie war hochgewachsen, hatte eine kluge Stirn und ernste Augen. Und was war dahinter? Nichts, nichts, nichts!

Mette schnitt ihrem Spiegelbild zornige Fratzen.

Was hatte sie den ganzen Nachmittag geredet? „Ja,“ „nein“ und ein paar alberne Phrasen.

Aber das kam davon, wenn man blind und taub durchs Leben ging.

Dann wußte man selbst solche Dinge nicht, von denen die Möbius-Mädeln schwatzen konnten. Und an alledem war Tante Emilie schuld!

Das schlimmste aber war – Mette drehte das Licht aus und verkroch sich unter die Bettdecke, weil das Blut ihr brennendheiß in die Stirn stieg – das schlimmste war, daß sie, als die anderen vom „Kammersänger von Wedekind“ gesprochen hatten, allen Ernstes gedacht hatte, es wäre ein adliger Hofopernsänger und gefragt: „Wie heißt er denn mit Vornamen?“

Aber das hatte Olga Radó hoffentlich nicht gehört. – – –

Eine Woche lang gab Mette ihre zwecklosen Spaziergänge auf und übte zu Hause Klavier und lernte französische Vokabeln, und wenn sie eine halbe Stunde geübt und gelernt hatte, warf sie sich auf den Diwan und starrte in das Stückchen Himmelblau, von silbrigen Telephondrähten durchschrägt, das sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Und dann flogen ihre Gedanken – wie das herrlich wäre, alle Sprachen der Welt zu verstehen, oder ein Instrument vollkommen zu beherrschen, oder eine wundervolle Stimme zu haben, oder bezaubernd schön zu sein. Aber da man all so etwas doch nie erreichen konnte, so wäre es vielleicht am angenehmsten, tot zu sein. – – –

Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah, die Straße entlang spähte.