Aber sie wußte sich zu helfen. Sie war nicht umsonst Friedel Eggebrechts Schülerin gewesen. Sie wußte so gut, wie man an das Silberzeug herankonnte, und in welchem Kasten das wertvollste war.
Während Mette heimlich an das Büfett ging, dachte sie ein Dutzend Jahre zurück und lächelte. Es war nicht mehr so aufregend wie damals. Obgleich, wenn Tante Emilie es entdeckte, würde es genau dieselben Unannehmlichkeiten geben. Sie war fähig, wieder einen Psychiater zu rufen. Was war es doch im Grunde für eine lächerliche Komödie! In einem Jahr war sie mündig und durfte über ihr großmütterliches Erbe frei verfügen, und heute mußte sie, um sich ein paar hundert Mark zu verschaffen, in ihres Vaters Hause stehlen gehen! – – –
„Willst du so gut sein und mir den Schein geben?“ fragte Olga das nächste Mal.
„Den Schein?!“ Mette wurde ein wenig verlegen und kramte in ihrer Tasche. „Ja, sofort! Wo habe ich ihn denn? Du brauchst keine Angst zu haben, er ist da! Ich will dir nur erst das Geld aufzählen!“
„Das laß, bitte!“ sagte Olga bestimmt. „Das Geld ist da, wo es hingehört. Keine Szenen, bitte. Ich habe dir kein Recht gegeben, mich zu beleidigen.“
„Ich verstehe dich nicht,“ sagte Mette ratlos. „Was soll denn das heißen?“
„Das soll heißen, daß ich mich bedeutend lieber an eine Straßenecke setzen will und betteln, als daß ich dir Geld schuldig sein will. Ich hab’ auch nur deswegen dich zum Leihamt geschickt, damit du das Geld gleich in Händen hast. Sonst hätt’ ich dir’s aufdrängen müssen, und ich hasse solche Szenen. Und jetzt genug davon geredet, ich will kein Wort mehr hören!“
„Aber ...“
„Kein Wort – hab’ ich gesagt. Im übrigen kannst du den Schein behalten. Du kannst es mir wieder einlösen. Ich will lieber nicht sehen, in wessen Händen es war. Ich werde dir gelegentlich das Geld geben –“ sie lachte kurz auf. „Wann, mögen die Götter wissen! Komm, wir wollen eine Partie Schach spielen. Ich gebe dir einen Turm vor.“ – – –
Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden – sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.