Als er den Wandergesellen sah, schüttelte er den Kopf mißbilligend. »Schon wieder einer,« sagte er vor sich hin. Dann verschwand er in der Tür und machte Meldung.
Der Hausvater kam heraus. »Ja, da sind Sie zu spät dran, mein Lieber,« sagte er, »das Haus ist voll, übervoll. Ich habe schon mehr Leute aufgenommen, als ich eigentlich darf. Es ist kein Eckchen mehr frei.« Er hatte es ein bißchen eilig, es war fast mehr Arbeit heut, als er bewältigen konnte. Nicht nur Arbeit. Er brauchte seine ganze Autorität, um die vielen Leute, die zum Teil nur heut hierher kamen, ein wenig in Ordnung zu halten. Man sah es ihm an, daß er ganz voll Autorität war. Die straffte den ganzen Mann. Er wußte es wohl selbst nicht so, er stand mitten in seiner Pflicht, frisch, stramm, energisch. Und er hatte schon ein ganzes Dutzend Leute weggeschickt heut abend. Da war nichts zu machen gewesen. »Denn,« hatte er zu seiner Frau gesagt, die ein so mitleidiges Herz hatte, »es geht nirgends mehr hinein, als bis es voll ist. Dann muß man Schluß machen. Punktum sagen. Das hilft alles nichts.« Und dann hatte er die Hacken zusammengeschlagen und war stramm weitergegangen.
Das tat er auch jetzt. Er hatte genug zu tun im großen Saal. Dort war die Bescherung längst vorbei, und jetzt nach dem Abendessen, fingen die Leute an, warm zu werden. Er mußte unter ihnen sein. Sie sollten sich wohl fühlen, aber in Ordnung sollten sie bleiben.
Der Handwerksbursche lehnte sich gegen die Wand und schloß die Augen. Nur einen Augenblick. Es wurde ihm plötzlich so schwach zumute. Ja, das half ja wohl nichts; nun mußte er wieder hinaus. Und wohin? Ach, das war ja gleichgültig. Vielleicht erfrieren. Das tat ja auch nichts. Es kam solch eine Stumpfheit über ihn.
Da sagte jemand neben ihm, eine helle, junge Stimme: »Ist Ihnen nicht wohl? Warten Sie, ich hole Ihnen etwas Warmes. Sie haben keinen Platz mehr gefunden zum Übernachten? Ja, das ist freilich schlimm. Aber heut drängt sich alles herein. Und man hat nicht mehr Raum, als für hundertvierzig Leute. Mein Mann hat noch Stroh und Tücher spreiten lassen. Aber auch das ist mehr als besetzt.«
Er sah verwundert auf die kleine, runde, blonde Frau im feiertäglichen Kleid und der großen Schürze drüber, die so lebhaft und freundlich auf ihn einsprach. Was wollte sie von ihm? Sie konnte ihm auch nichts anders sagen, als was er schon wußte. Er hatte ähnliches vordem schon erlebt; dann hatte er sich irgendwo hingelegt. Aber nun war er so schlaff und zitterte vor Nässe und Kälte.
Da trippelte sie fort, mit kurzen, flinken Schritten. Und dann kam sie wieder, im Handumdrehen, und trug eine große Tasse voll heißen Kaffees und ein Stück Kuchen. »Da,« sagte sie, »das wollte ich eben essen und trinken. Aber nun nehmen Sie's, ich bekomme schon wieder. Wir kommen heut auch zu nichts vor lauter Umtrieb.« Wie sie plauderte. Es war wie ein Gezwitscher. Er hörte ihm zu, so lang er aß und trank. Er saß auf einer Bank im warmen Hausflur und sie stand vor ihm. Dann sagte sie plötzlich: »Warten Sie ein bißchen, ich komme gleich wieder.« Weg war sie. Da stand sie, drin, hinter der Glastür, die in ihre eigene, freundliche Wohnung führte, und betrat das Gaststübchen, das so sauber und heimlich für einen lieben Gast bereit stand. Für ihren Vater. Der war nicht gekommen; er kam erst morgen am Tag. Nein, das konnte ihr doch wohl niemand zumuten, daß sie –, das war doch zu ungewöhnlich. Und der Mensch war gewiß sehr schmutzig. Und was würde ihr Mann sagen? Aber das Herz ging ihr über. Es war doch Christabend.
Und es kam ihr in den Sinn, daß der Mensch da draußen doch einer der »geringsten Brüder« sei. Da wurde sie ganz verlegen, daß sie das dachte, denn sie war es nicht gewöhnt, ihre Handlungen von irgend einem religiösen oder moralischen Standpunkt aus zu begehen, sondern sie tat alles aus ihrem raschen und warmen Herzen heraus. Dieses Herz hatte ihr schon manchen Streich gespielt. Man denke nur an jenen Morgen, an dem sie einem jammernden Zündholzverkäufer den Inhalt seiner ganzen, vollen Kiste abgekauft hatte und zwar von ihrem Geburtstagsgeld. Da war sie weidlich ausgelacht und auch ein wenig gescholten worden. Schlimmer war schon das andere, das mit ihres Mannes gefütterten Winterstiefeln. Sie hatte sie, als sie allein zu Hause war, einem armen Mann geschenkt, der Rheumatismus in beiden Füßen hatte. »Wonach riechen Sie denn so stark?« hatte sie zaghaft gefragt, und er hatte seufzend erwidert, daß er seine Füße mit Spiritus eingerieben habe, weil er kaum mehr darauf stehen könne. Da hatte sie ihm zu den Stiefeln noch ein Paar Socken geholt. »Sie sind tüchtig geflickt,« hatte sie halb entschuldigend gesagt, denn sie kam sich ein wenig hart vor, daß sie die viel wärmeren neuen, die sie schon in der Hand gehabt hatte, wieder in die Schublade gelegt und die alten genommen hatte. Wenn man aber auch immer ermahnt wird, sich »den Gaul nicht durchgehen zu lassen«. Ja, halb war sie auch stolz auf ihre Selbstbeherrschung. Der Mann war auch so freundlich, sich nichts aus dem Geflickten zu machen. Sie hatte ihm angeboten, die Sachen gleich hier anzuziehen, aber er war so bescheiden, daß er dafür dankte, er wolle ihr sicher nicht so viele Mühe machen. Er wisse einen Ort, ganz in der Nähe, da könne er ungeniert ablegen. Aber, hilf Himmel, der Ort war der Laden des Althändlers Eisenbeiß schräg gegenüber gewesen, vor dessen Tür eine Viertelstunde später die warmen Stiefeln an einem Haken baumelten und dem Verkauf ausstanden. Und der Mann, den sie damit beschenkt gehabt hatte, schien sich auf andere Weise erwärmt zu haben, denn er begegnete der Frau Rose ein paar Stunden später und konnte nun tatsächlich kaum mehr auf den Füßen stehen. Das war recht bitter gewesen. Aber dafür konnte doch der arme Handwerksbursch am heutigen Abend nichts. Es ging doch wohl nicht an, ihn etwa dafür verantwortlich zu machen, daß ein anderer – ach nein, das kam ja eigentlich hier nicht in Betracht.
Da, nun hatte sie es schon gesagt. »Kommen Sie hier herein, ja ja, kommen Sie nur. Warum sehen Sie so erstaunt aus? es ist – es ist nämlich tatsächlich sonst nichts frei, aber da – es ist mir nur nicht gleich eingefallen« – das log die blonde Frau Rose aber, wie wir wissen – »da ist ein kleines Stübchen, das ist für die Nacht noch leer.« Der Schlossergesell war wie im Traum, als er in den weißen Kissen lag und sich dehnte und streckte. Es paßte auch gut in den Traum hinein, daß nach einer Weile jemand zur Tür hereinkam und leise die feuchten zerrissenen Kleider von dem Stuhl vor dem Bett wegnahm, um gute, feste Sachen dafür hinzulegen.
»Nein, nein, da ist nun nichts zu danken,« sagte eine Stimme, die ihm bekannt vorkam, obgleich er ja wußte, daß er träume.