Und er wollte noch rasch seiner Pflicht Genüge tun, als Mann und Vater, und gab seinem Lieblingssohn, obgleich er ihm seinen Wunsch mehr als nur nachfühlen konnte, eine Ohrfeige, daß ihm der Hut aufs Pflaster fiel, und sagte: „Was? Draußen bleiben? Das könnte dir passen. Du gehst mit hinein, sag’ ich und besuchst deine Mutter, wie sichs gehört. Bleib’ ich vielleicht draußen?“ Und er fühlte sich nach dieser Tat und Rede sicherer und erhobener als zuvor.
Da schritten sie miteinander durch das Tor und gingen über Treppen und lange Gänge, und hörten unterwegs allerlei Töne, die sie nicht verstanden und die ihnen Herzklopfen machten, weil sie nicht wußten, von welcherlei Wesen sie kamen. Und dann tat sich ihnen eine Tür auf; helles Licht kam durch das breite, geöffnete Fenster in den Raum, den sie betraten; und Georg Ehrensperger, der Jüngste, der von allen Dreien am meisten mit Herz und Sinnen dabei war, dachte mit Staunen, daß Meister Nössel, der Flickschneider auf dem Turm, nichts Rechtes gewußt habe.
Denn er hatte gesagt, daß die Mutter im Dunkeln sitze und warten müsse, bis ihr Gott das Licht wieder anzünde.
Und hier war helles Licht.
Oder? Oder war das bereits wieder angezündet?
Aber es war helles, gewöhnliches Tageslicht, solches, in dem alle Menschen wandeln. Es war gar nichts Absonderliches dabei.
Auch die Frau, die in den weißen Kissen ruhte und ihnen entgegensah, war weder so besonders schön noch so besonders schrecklich, wie das abendliche Phantasiegebild, das die Stelle einer Mutter bei ihm vertreten hatte, wechselsweise gewesen war.
Sie hatte ein weißes, sanftes Gesicht, und Augen, in denen das ganze Leben zusammengedrängt schien, suchende, bittende, hungrige Augen; man wußte nicht, ob sie lachen oder weinen, sich fürchten oder sich freuen wollten. Es war wohl das alles miteinander, und löste sich in raschem Wechsel in ihrer Seele ab. Sie hatte gescheiteltes Haar; links und rechts hing ihr eine Flechte davon über die Schulter und lag auf ihrer Brust, blond und silbern gemischt und verlor sich unter der Bettdecke.
Die Hände hatte sie schwer auf der Decke liegen; da hob sie mit Mühe eine davon zum Willkomm, und ließ sie wieder fallen. „Da seid ihr,“ sagte sie. „Das seid ihr? ach!“ Denn sie hatte kleine, zwei- und vierjährige Kinder verlassen. Die waren ihr wieder ans Herz getreten, als ihr Ich zu sich selber kam. Nun standen ein paar sonnverbrannte, halbwüchsige Buben an ihrem Bett, und traten näher, als ihnen ihr Vater einen kleinen Puff von hinten her gab, und machten verlegene Gesichter.
„Grüß Gott,“ sagte der Kleinere und sah sie so von unten herauf an. Da fand er, daß hier nichts zu fürchten sei, und daß er schon lang mit dieser Frau zusammengelebt habe, irgendwie und wo. Und auch, daß sie sowohl mit Frau Judith, als mit der Rektorin Cabisius irgend eine Ähnlichkeit habe; er besann sich nicht, welche, er fühlte sie nur. Vor denen aber war er längst nicht mehr scheu. Da war er es auch vor ihr nicht mehr. „Ich glaube doch,“ sagte er später, als er sich selbst besser verstand, „ich glaube doch, daß mir damals einen Tag lang meine Mutter gehört hat, wie eine Mutter ihrem Kind gehört, und ich auch ihr.“