Achtes Kapitel
„Mutter,“ sagte Lore, das Kind der Putzmacherin Maute, „du mußt schnell was anziehen. Da kommt die Frau Rektor Cabisius aufs Haus zu. Sie macht so kurze, rasche Schritte, wie ein Mädchen geht sie und ist doch schon eine alte Frau. Das heißt, wenigstens hat sie ganz graues Haar. Und überall hält sie den Rocksaum hoch; sieh’ mal, Mutter, da ist doch tiefer Schmutz auf der Gasse, und sie hat nie ein Tüpfelchen Schmutz an sich.“ Lore saß am Fenster und sah in den kleinen Straßenspiegel, der da angebracht war und durch den man alles beobachten konnte, was draußen vorging, ohne selbst gesehen zu werden.
Ihre Mutter saß ihr gegenüber. Sie hatte die Haare auf Papilloten gewickelt und war mit einer Nachtjacke bekleidet, die, der fehlenden Knöpfe wegen, am Hals mit einer blitzenden Hutagraffe zugesteckt war. Sie hatte eben noch an einem bestellten Samthut gestichelt; nun stand sie auf und ging ins Nebenzimmer. „Sag’, wenn sie kommt, ich käme sogleich,“ sagte sie im Hineingehen. „Und, Lore, räum’ noch rasch ein bißchen auf.“ Denn es fiel ihr nun plötzlich auf, daß das Waschgeschirr noch auf dem Tisch stand und Kämme und gebrauchte Kaffeetassen sich mit Seidenbändern und Hutformen auf der Kommode breit machten. Da nahm das Mädchen einen Anlauf und trug einiges ins Nebenzimmer. Dort stellte sie es auf den Boden. Und anderes streifte sie mit rascher Hand in eine geöffnete Schublade; und fuhr mit einem Pfauenwedel über die Kommodenplatte und legte rasch eine Decke auf den Tisch. Es sah nicht mehr so übel aus im Zimmer, wenn man nicht gerade kritisch hinsah.
Da klopfte es, und als die Frau Rektorin eintrat, kam ihr Lore entgegen, frisch und zierlich, wie ein Bachstelzchen und bat, Platz zu nehmen, nur einen Augenblick zu warten, da die Mutter sogleich kommen werde. Sie habe nur etwas Notwendiges zu schaffen, das gleich erledigt sei. Darauf setzte sie sich wieder an ihren Fensterplatz und hob sittig an, zu häkeln. Irgend etwas Zartes, Zierliches, es gab einen Halskragen, das konnte man schon erkennen.
Die Uhr tickte, es war still im Zimmer. Draußen rieselte der Regen herunter und klopfte hie und da ein wenig an die Fensterscheiben. Von der nahen Kirche her hörte man vereinzelte Orgeltöne; irgend ein musikbeflissener Unterlehrer übte sich da.
Die Frau Rektorin saß und sah nachdenklich aus.
Sie sah dem Spiel der feinen Hände des Kindes da auf dem Fenstertritt zu. Es war eine wahre Freude, zuzusehen.
Warum machte sich nur Gertrud nichts aus selbstgehäkelten Halskragen? Warum war sie so ganz anders als alle Mädchen, die die Frau Rektorin kannte?
Sie saß in ihres Großvaters Studierstube und lernte Latein von ihm. Ja, Latein. Und ihre Großmutter richtete jetzt und immer die Frage an das Weltall, was ein Mädchen mit Latein zu tun habe? Aber hier war niemand, der ihr Antwort gab.
Sie, nämlich Gertrud, war groß und stark für ihr Alter und hatte ein kluges, etwas breites, offenes Gesicht, und ihre Bewegungen erinnerten etwas an die einer jungen Dogge.