Der Rektor Cabisius gehörte nicht zu ihnen. Er ging in den sonnigen Wegen auf und ab, besah sich seine Obstbäume, wie sie mit ausgebreiteten Armen auf ihren Frühling warteten, paffte große und nicht besonders zierliche Rauchwolken aus seiner langen Pfeife, und nahm ab und zu diese Pfeife aus dem Mund, um damit irgend eine Melodie zu taktieren, die ihm durch den Sinn zu gehen schien. Vielleicht war es dieselbe Melodie, die durch die Luft schwirrte; wer kann das wissen? Er sah nicht aus, als ob er irgend jemandem hätte den freundschaftlichen Rat erteilen mögen, nicht in diese Welt herein geboren zu werden.

Sein Haar war grau; auf der Stirn lagen ein paar tiefe Querfalten, und unter den Augen hatte er unzählige feine Fältchen, ein ganzes Heer von Fältchen.

Aber was waren das für junge Augen, warme, lebendige, ungetrübte, die zwischen den Fältchen heraus sahen, so, als ob sie sagen wollten: „Ach, das ist ja alles nur äußerlich, das Alte, Graue, Faltige, Mitgenommene. Wenn ihr da innen hinein sehen könntet, wie da Leben ist. Aber das könnet ihr nicht.“

Ihn freute der Frühling. Er nahm sich das Recht dazu, sich zu freuen trotz allerlei trübem, das ihn durchaus aus dem Winter herüber begleiten wollte. Und es ist nicht zu sagen, wieviel Trauriges ein ehrlicher Mensch, der es von Herzen mit der Freude halten will, durch sie besiegen kann. Die lieblichsten Frühlingswunder zeigt sie ihm, und ein solches zeigte sie ihm jetzt eben, als er stillstehend nach dem grünen Rasenfleck hinübersah, wo auf einem ausgebreiteten, großen Tuch ein kleines Menschenkindlein saß. Es krabbelte mit den Händchen nach den rosa Blütenblättern, die der junge Pfirsichbaum über ihm von Zeit zu Zeit niederschweben ließ. Und als sich einige davon etwas zu entfernt niederließen, da kam ihm das Verlangen, sie zu holen.

Und da geschah es, daß das Kindlein seinen ersten Schritt auf dieser Erde machte, den ersten von so vielen, die ihm zu tun vorbehalten waren.

Die runden Händchen faßten den schlanken Stamm als Stütze, und als die Füße fest standen, etwas gespreizt und unsicher freilich, aber doch wirklich und wahrhaftig auf dem Grund, da ließen die Händchen los. Und da geschah der erste Schritt.

Der Großvater sah ihm zu. Er klopfte die Pfeife aus, legte die Hände auf den Rücken und sah in das blühende Wunder hinein, still, und ein wenig bewegt, und ein wenig belustigt. Das war so etwas Selbständiges, was da vor seinen Augen geschah, da regte sich so eine junge, sichere Kraft, die etwas werden wollte. Mit ernstem Gesicht vollbrachte die kleine Enkelin ihre brave Tat.

Aber dann kam die Angst über sie. Da war solch ein großer, leerer Raum, in den sie sich hineingewagt hatte; darin war sie so allein. Sie streckte die Händchen aus und wußte nicht weiter.

Nun war es Zeit für das Alter. „Da,“ sagte der Großvater und trat vollends heran. Er streckte sein langes Pfeifenrohr aus. „Halt’s fest,“ sagte er. Da schlossen sich die kleinen Fingerchen darum, da kam nun die Sicherheit wieder, die im Alleinsein so kläglich vergangen war. Da war ja nun eine Stütze, und der unendliche Raum war liebevoll ausgefüllt durch ein Menschengesicht.

Und nun machten die beiden jungen Leute eine große, große Wanderung mitsammen, wohl fünf, sechs Schritte, und immer das Pfeifenrohr zwischen ihnen als Halt und Leiter. Dann nahm der alte Herr das kostbare, kleine Menschenwunder in die Arme, und sah zu, wie es über das ernsthafte Gesichtchen flog, wie lauter Sonne; da war ein Leuchten des Glücks zu sehen; bis unter die braunen Härchen auf dem runden, weichen Kinderkopf alles ein Lachen und ein Stolz.