Darüber wurde er alt und grau und kam zu sterben. Er war aber ganz allein, denn, Georg, wer das will — aber das verstehst du noch nicht.

Ja, und da klang es auf einmal irgendwo, und nun wußte er, daß dies das Lied sei, das einzige, das es gebe. Und er griff nach seiner Geige, und, so stark seine Hand zitterte, er konnte es doch spielen. Aber die Saiten zersprangen davon, eine nach der andern. Da starb er und das war auch ganz gut, denn sonst hatte er ja nichts gewollt. Und siehst du, darum denke ich, daß es einen Ort gibt, wo man das alles kann, was man in sich hat, weil es dem Geiger irgendwo her tönte, als er schon im Sterben lag. Und weil ihm die Seiten sprangen, als er es zu spielen versuchte, darum denke ich, es muß irgendwo bessere Geigen geben. Aber ich bin ein alter Mann, Bub. Ich bin begierig, wie alles wird, und ich denke, es wird irgendwie gut. Das ist alles, was ich so sagen kann.“

„Das will ich alles auch lernen,“ sagte Georg und machte ein sehr entschlossenes Gesicht dazu. „Ja, das tu’ du.“ Der Alte war sehr einverstanden damit.

„Ich kann dich das nicht lehren. Aber mein Großvater sagte, wenn er die Geschichte erzählte: ‚Das kann man einen überhaupt nicht lehren, wenn’s einer nicht in sich hat.‘ In großen Städten da haben sie Schulen dazu, dahin gehen die Leute, um das alles zu lernen. Ich meine, das Musikmachen und so was. Dahin gehen sie noch, wenn sie Männer sind. Ich hab’ schon solche gesehen mit Bärten, die gingen da hinein und lernten Musik machen. Den ganzen Tag Musik und nichts weiter. Das muß ein Leben sein, Bub. Wie im Himmel. Aber ich weiß nicht, ob’s die alle in sich haben.“ Da schlug sich der Bub aufs Knie, daß es schallte.

„Dahin möcht ich auch,“ sagte er. „Was sagst du? Ganze Säle voll mit Orgeln und Klavieren und Geigen und Flöten? Dahin möcht ich auch.“

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Nun hatte er wieder ein Bild, das er sich abends beim Einschlafen vormalen konnte. Er steckte sich unter die Decke und hielt die Ohren zu, daß kein Laut von außen herein dringe. Und dann ließ er den Saal vor sich aufsteigen. Der war riesig groß, er wurde immer noch ein wenig größer. Und an den Wänden standen Orgeln, immer eine größer als die andere, mit blanken Pfeifen, und oben schwebte an jeder ein nackter Posaunenengel, denn solch einer war auch an der Wiblinger Kirchenorgel und Georg konnte sich keine Orgel denken ohne diesen Zierrat. In der Mitte des Saals aber standen Klaviere, die waren so schön wie das des Rektors Cabisius und waren alle aufgeschlagen. Da standen sie mit ihren schwarzen und weißen Tasten und vor jedem stand ein Stuhl. Menschen waren da nicht, und das war gut. Denn sonst hätte Georg sich nicht getraut, zu spielen. Aber das tat er nun. Heidi, wie seine Finger auf und nieder fuhren. Es war gut, daß er unter der Decke steckte, so konnte ihm niemand den kühnen Gedanken ansehen, der sich nun entspann: Er konnte es wahrhaftig noch besser als der Rektor.

So, nun hatte er genug am Klavier. Da griff er nach einer der Geigen, die an den Wänden hingen, oder nach einer Flöte. Jagdhörner waren auch da. Trari, trara.

Einmal, als er soweit war, vergaß er sich und tutete das Geheimnis über die Grenzen seines Bettes hinaus.

Da brachen merkwürdige Töne unter der schweren Federdecke hervor wie ein unterirdisches Donnerrollen.