Solche Sachen sagte ich in Gedanken zu ihnen, aber ich mußte aufpassen, daß es die alte Frau Wolf nicht merkte, denn sie sah mir immer alles an, was ich im Herzen hatte, und dann sagte sie: „O Ludwig, dich sieht man doch durch und durch. Du hast ein Gesicht wie ein Spiegel.“ Das war mir nicht recht, denn ich wollte nicht immer alles wissen lassen, was ich dachte.
Aber daß mir meine Schwester Luise gut gefiel, das durften sie wohl wissen, das mußte kein Geheimnis sein, bloß sollten sie nicht merken, daß es mir etwas Neues sei und daß ich es von ihnen gelernt habe. Und sie gehörte mir doch zuerst und vor allen.
Sie hatte ganz hellblonde Haare, und sie waren lang und dick. Sie trug sie glatt gekämmt mit einem Scheitel in der Mitte und zwei Zöpfe um den Kopf gelegt, daß es war wie ein Kranz. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie so gut lachen könne; wenn sie lachte, dann sah man, daß oben einer von ihren vorderen Zähnen schief stand, aber das sah so drollig aus. Es war wie ein Wegweiser, der in ihren Mund hinein führte: „Hier ist Luise Fugeler. Man muß keine Angst vor ihr haben.“
Das sagte ich auch niemand, daß ich das dachte. Denn es fielen mir hie und da sonderbare Sachen ein, und wenn ich sie heraussagte, dann lachten sie alle und erzählten es weiter. Und das war mir nicht recht. Aber meine Schwester Luise lachte nie über mich, weil sie merkte, daß ich dann rot und verlegen wurde; sonst lachte sie viel und gern. Es gab auch genug andere Sachen dazu, da hatte sie ganz recht. Gegen mich war sie immer gut und freundlich. So war sie früher nicht gewesen meiner Meinung nach. Es war aber nur so, daß sie nun überhaupt mehr ins Heitere, Jugendliche hineinkam, da zeigte sich alles, was gut und lieb an ihr war, mehr als vorher. Denn sie hatte nie recht ein Kind sein dürfen; es waren immer Sorgen vorhanden gewesen und Armut und Arbeit. Das erfuhr ich alles erst später recht, denn ich selber hatte es viel zu gut. Bei Meisters da konnte sie schon in ein freudiges Fahrwasser kommen, wenn sie gleich in ihrer jungen Jugend schon stramm an den Wagen gespannt war. Daß man arbeiten müsse, das war ihr nichts Neues, das verstand sich von selber. Was denn sonst? Aber sie waren alle miteinander so herzlich und fröhlich und gut, und es war nicht wie ein Dienst bei einer Herrschaft. Sondern man half einander mit der Arbeit und mit dem Lohn und mit dem Zusammengehören und keins war höher und vornehmer, als das andere. Friedrich Meister war Schreiber auf dem Rathaus. Er ging immer anständig angezogen zum Haus hinaus; da sah ihm Lotte unter der Türe nach und hatte den Buben auf dem Arm. Wenn er aber abends heimkam, oder auch mittags schon, dann fuhr er flugs in einen Hauskittel und wirtschaftete irgendwo herum mit Hammer und Nägeln und mit alten Brettern. Zum Beispiel machte er einen Taubenschlag auf das Dach und setzte Tauben hinein. Er mußte ihn aber bald wieder wegtun, weil die Tauben keinen rechten Respekt vor der weißen Wäsche im Garten hatten. Sie machten sie ohne alles Verständnis schmutzig, und da war nicht zu helfen, sie mußten wieder fort. Da tröstete er sich und verfertigte ein Stockbrett für das Küchenfenster, darauf setzte er ein Zigarrenkistchen mit Schnittlauch und eins mit Monatrettichen. Das heißt, er steckte die Rettichkerne hinein und wartete täglich darauf, daß sie treiben sollten. Sie trieben auch, aber bis zu richtigen Knollen brachten sie es nicht. Es blieben kraftlose Schwänzchen. Da mußte er sich viel gutmütigen Spott von seiner Frau gefallen lassen, und um sich in Respekt zu setzen, machte er nun ein Blumenbrettchen ans Wohnstubenfenster. Denn sie konnten in ihrem Vorgärtchen nichts ziehen, sie brauchten den Platz für die Wäsche.
Da konnte sie nun nichts mehr sagen, außer darüber, daß er sich mit der grünen Farbe ganz eingeseift hatte an Rock und Hosen. Sie schluckte es aber und nannte ihn zärtlich „Meister Hämmerlein“. Aber er wußte nicht sicher, ob es nicht doch ein bißchen spöttisch gemeint sei. Denn sie verbarg ihre Liebe zu ihm gern unter ihrer Neckerei, wenigstens vor den Leuten. Er war fast einen Kopf kleiner als sie. „Aber darum muß ich doch an ihm hinaufsehen,“ sagte sie, „er ist gerade um einen Kopf klüger als ich.“ Das mußte ich ohne weiteres zugeben. Denn sie machte Schreibfehler, das hatte ich schon gesehen, und sie wußte nicht einmal, wo der Neckar entspringt. „Ich habe es natürlich einmal gewußt,“ sagte sie, „aber ich habe es wieder vergessen.“ Es schien ihr nicht viel auszumachen. „Mein Bub kann es einmal lernen. Ich habe sonst so viel um die Ohren, ich kann mich nicht auch noch um die Geographie bekümmern.“
Aber einmal nahm Friedrich Meister sie mit auf einen Ausflug an den Bodensee. Er hatte dort droben einen Bruder verheiratet, der ein Landwirt war und ein kleines, eigenes Gütchen hatte.
Davon kam sie am Abend des dritten Tages ganz erregt zurück.
Mir brachte sie einen großen gebackenen Hasen mit aus Kuchenteig und sagte: das sei ein Seehas. Das sei eine ganz besondere Sorte, die gebe es bei uns nicht. Und der See sei so groß, nicht zu sagen, und so tief, sie habe sagen hören, man könne einen Kirchturm hineinstellen, ohne daß er oben heraussehe. Wenn man mitten auf dem See sei, so kommen am anderen Ufer die Schweizer Berge heraus, man möchte nur vollends hinüber, so verlange es einen darnach, wie sie so dastehen und leuchten. So schön gebe es bei uns nichts, das sei aus und vorbei. Ich mußte sie immer ansehen, wie sie im währenden Erzählen geschäftig hin und her ging, die Reisekleider ausstäubte und verschloß, ihr Bübchen besorgte und ihre langen, prachtvollen Zöpfe losband, daß sie ihr über den Rücken hinunterhingen, und wie ihr Gesicht dabei hell, klug und durchsonnt aussah, wie eine Landschaft, in die auf einmal neues Leben gekommen ist, etwa durch einen Maienregen oder durch einen unverhofften Sonnenblick. Ihr Mann saß neben mir auf der Bank am Fenster, folgte ihr mit den Augen und sah glücklich drein. „Guck,“ sagte Lotte plötzlich zu mir, „das kann ich jetzt behalten. Von dem, was ich gesehen habe, da vergesse ich nichts, das ist mir alles in den Kopf hineingebrannt oder ins Herz meinetwegen. Das kann ich meinem Buben noch erzählen, wenn er groß ist. Das andere, was nur so in den Büchern steht, das ist nichts für mich. Zum Beispiel Schwenningen oder Tuttlingen, das ist gar nichts. Da kann ich mir nichts Besonderes denken. Aber Friedrichshafen, das hat ein Schloß mit zwei Türmen, die sehen zwischen grünen Bäumen heraus und spiegeln sich im See, und auf der Bahnhofsterrasse haben wir einen Schoppen Seewein getrunken und verschiedene Schiffe ankommen sehen. Das ist etwas Lebendiges.“
„So werde ich dir eben nach und nach das ganze Vaterländchen zeigen müssen,“ sagte Friedrich Meister behaglich lächelnd. „Ich habe eine gescheite Frau, die will die Welt selber sehen, vom Hörensagen glaubt sie nichts.“
Damals stieg Lotte gewaltig im Respekt bei mir.