Ich konnte sie beobachten, ohne daß sie mich sah, denn ich war hinter den Vorhang getreten, der den Eingang in ein Nebenkämmerchen verdeckte und sah hinter demselben vor in ihr helles Gesicht. Sie hatte eine Bestellung zu machen. Es sollte regelmäßig zu bestimmten Zeiten Wäsche abgeholt und wieder hingebracht werden und sie nannte dazu das Haus ihres Großvaters, in dem sie mit ihrer Mutter und ihrem Bruder wohnte. Der Vater, der zum Ganzen gehörte, war nicht mehr vorhanden, und ich wußte, daß er irgendwie nebenhinaus gegangen war auf der Welt und wohl noch lebte, aber nicht mehr zu den Seinigen gehörte. Wie es zusammenhing, wußte ich nicht, aber es hatten also doch auch schon dunkle Schatten das junge Leben gestreift, das hier in aufblühender Pracht in unserer Stube stand und mit meiner Schwester sprach. Als mir das einfiel, gewann ich auf einmal die Macht, hinter meinem Vorhang hervorzutreten und sie anzureden, denn sonst wäre sie mir zu schön dazu gewesen und zu hoch, so freundlich sie auch aussah.

Ich überlegte mir auch, was ich zu ihr sagen wollte. Sie hatte einen Vetter, der war mein Schulkamerad gewesen und war nun seit einem Jahr bei der Marine, und er war es auch gewesen, der bei den Kameraden immer ihren Preis verkündigt hatte. Nach dem wollte ich sie fragen. Aber ich war es nicht gewohnt, junge Mädchen anzureden, so oft ich es auch in der Phantasie tat, und so stand ich etwas verlegen herum, als ich sie gegrüßt hatte.

Da sah ich an ihrem Gesicht, daß sie mich auch kannte, vielleicht noch von damals her, und daß lustige Lichter darüberflogen wie Sonnenvögel und sie ein Lachen unterdrücken wollte, das um jeden Preis gelacht sein mußte.

Es war sicher, sie kannte mich noch und auf einmal sagte sie: „Da wohnen Sie jetzt? Seit wann? Wissen Sie noch, damals? Sie erzählten mir von Ihrem Garten, und –“ da wurde sie doch ein bißchen rot und ich auch, denn es war ein heikler Punkt. Und in der Verlegenheit fingen wir beide an zu lachen und wurden dadurch ganz erlöst. Denn wenn man darüber lachen konnte, dann war es nicht mehr schlimm. „Ja, ja“ sagte ich, „ich habe damals, glaub' ich, ein bißchen dazu erfunden, und nachher hatte ich immer Angst, Sie könnten einmal kommen und ich stehe dann mit Schanden da.“

Aber als ich das sagte, war es mir inwendig heiß vor Glück, daß sie mich so gut kannte, und daß sie noch an damals dachte, und es kam mir auch sonderbar vor, daß wir nun Sie zueinander sagten, denn ich hatte immer in Gedanken Du zu ihr gesagt.

„Ich bin auch einmal gekommen,“ sagte sie, „das Verlangen war immer stärker geworden in mir, und der Garten immer größer und die Nelken immer röter. Wissen Sie noch, von der Katze, die da herumgehen und Funken sprühen sollte und von der Musik, die der alte Mann machte? Da brachte ich es einmal mit List heraus, wo Sie wohnten und suchte mir den Weg. Aber als ich die Häuschen sah und die kleinen Gärtchen davor, da wurde ich böse und traurig und hätte fast geweint vor Zorn und Enttäuschung. Und meine Mutter sagte nachher, als ich es ihr erzählte: „Siehst du, man muß auch nicht alles untersuchen wollen, das geht noch mit vielem so im Leben.“ Und sie sagte, daß das Bübchen damals nicht gelogen habe, es habe es alles so im Herzen gehabt, wie es gesagt habe.“

Als Maidi das alles erzählte, sah ich so unbegreiflich deutlich wieder das kleine Mädchen von damals vor mir und die schöne junge Frau mit dem Kinde, und es war mir, als gehöre ich irgendwie zu ihnen. Die Bügelmädchen sahen mit Staunen zu und Luise auch, daß wir so ins Reden miteinander kamen, aber ich machte mir gar nichts daraus, sondern als Maidi gehen wollte, fragte ich ganz kecklich, ob ich ein Stückchen mit ihr gehen dürfe, ich müsse sowieso noch einmal in die Stadt. Sie sagte auch freundlich: ja, das dürfe ich gerne, und wir wollen dann über den Marktplatz gehen, weil Messe sei.

Da ging ich denn nun neben dem allerschönsten Mädchen her, das ich kannte, aber ich hatte meine Schülermütze aufgesetzt und das Hütlein daheim gelassen, und nun pochte mir das Herz wie ein Schmiedehammer, weil solche Dinge geschahen, nicht in Träumen, sondern im hellen Wachen.

Maidi stieg so leicht und schlank und lieblich daher, und wir plauderten, als ob vieles nachzuholen sei, aber es war mir immer darunter hinein unbegreiflich, daß es ihr nicht zu wenig sei, mit mir zu gehen, und ich hielt mich so aufrecht wie möglich. Inzwischen kamen wir auf den Marktplatz, wo sich eine bunte Menge von Menschen hin und her schob, unter die wir uns fröhlich mischten. Maidi fragte mich, wo ich eigentlich hin wolle, weil ich von einer Besorgung gesagt hatte, die ich machen müsse, aber ich lachte nur und sagte, das habe noch lange Zeit, und wir waren wie rechte Kinder, die nicht viel an nachher denken, sondern sich an dem, was gerade vor Augen ist, ganz vergessen.