Da hatte sie recht, das fühlte ich deutlich. Aber noch war es ja Zeit, und es mußte jetzt anders kommen, sonst ging mir irgend etwas vorbei, das schön sein konnte und es nicht war, weil ich die Augen nicht aufmachte. Sie mußte wieder zu ihrem Kranz zurückkehren, der Eile habe, wie sie sagte. Er sei ganz aus einem hellen Moos mit lauter Veilchensträußen rings herum, und er sei für ein junges Mädchen, das an der Auszehrung gestorben sei. Als sie das sagte, wurde ihr helles freundliches Gesicht wie beschattet, weil es so unbegreiflich war, daß man vom Jungsein hinwegsterben konnte. „Ich trage ihn nachher selber auf den Friedhof,“ sagte sie, „denn ich will das Mädchen sehen, das schon in der Leichenhalle liegt. Es ist fremd hier, ein Herr hat den Kranz bestellt, ich glaube, es ist ihr Schatz gewesen, aber ein vornehmer. Er hätte sie doch nicht genommen, wenn sie auch gelebt hätte.“

Das sagte sie mit einem kleinen Seufzer, aber ich wußte nicht, ob er dem toten Mädchen galt oder dem verlassenen, das es wahrscheinlich geworden wäre, wenn es gelebt hätte, und ich mochte auch nicht fragen, weil mir zu viel Neues auf einmal im Kopf herum ging.

Das Mädchen sah mich einen Augenblick prüfend an, dann fügte es hinzu: „Wenn Sie wollen, können Sie mitkommen. Oder sehen Sie nicht gern Tote? Ich schon, ich lebe dann noch viel lieber, wenn ich gesehen habe, daß man auch tot sein kann.“ Es war mir nicht ganz so, ich hatte immer ein Grauen vor dem Tode und allem, was damit zusammenhing. Aber ich mochte es jetzt nicht gestehen, weil sie so ganz natürlich davon sprach, und ich mochte ihr das Mitgehen auch nicht abschlagen, sonst saß ich wieder allein da. So sagte ich zu ohne viel Besinnen und hatte nun also eine Verabredung mit einem hübschen jungen Mädchen, das ich vor ein paar Minuten noch gar nicht gekannt hatte. So ging es zu im Frühling.

Die dicke Dame mit dem Schnurrbärtchen rief: „Hertha!“ mit ihrer tiefen Stimme, und das Mädchen enteilte, aber es nickte mir vorher noch gut und freundlich zu, und ich ging nachdenklich und aufgeregt zu meinen Büchern zurück, denn es ging allerlei in mir um.

Ich war kaum fünf Minuten draußen gewesen. Auf dem Ladentisch lag ein Stoß Landkarten, denen ich Etiketten aufzukleben hatte. Der Buchhalter hustete und räusperte sich im Kontor, dessen Tür offen stand, und Herr Hagenau ging drinnen auf und ab und hielt ihm einen Vortrag, den er schon vorher angefangen hatte. Es war alles ganz wie zuvor. Aber ich hatte in der Zwischenzeit etwas erlebt. Es hatte sich eine Tür aufgetan, die seither verschlossen gewesen war, und ich stand unter ihr und sah allerlei schöne Dinge. Sie durfte nicht wieder zufallen, denn draußen stand die Jugend und das Leben und hatte lachende braune Augen und einen Kranz von braunen Zöpfen. Und alles hing auch wieder mit dem Tod zusammen. Man konnte davonkommen, eh' man es dachte, und dann blieb vieles ungeschehen, das erst hätte kommen sollen.

Das durfte aber um keinen Preis sein, dazu war man nicht Mensch geboren. Aber andererseits: Wie konnte ich es möglich machen? Ich hatte nach Ladenschluß beim Nachtessen zu erscheinen und da gediegen und ehrbar am Tisch zu sitzen bei Fräulein Brigitte und Herrn Kasimir. Das waren alte Leute, von meiner Jugend aus betrachtet, und sie konnten mir zum Umgang keineswegs genügen. Bis aber das Essen vorbei war, wurde es dunkel, und der Abend war hin. Da wurde mein Gemüt borstig und sträubte sich, denn es wollte nicht an der Kette liegen, und es tat nichts zur Sache, daß es diese bis heute nicht empfunden hatte. Ich schmiß die Karten mit einem zornigen Wurf auf den Nebentisch, um doch etwas gegen die Ordnung zu tun, und beschloß bei mir, der alten Salome zu sagen, daß ich in einen Vortrag gehe und nicht beim Abendessen erscheinen könne. Das war frank und frei gelogen, und es war eine Kunst, die ich bisher nicht geübt hatte. Aber es kam mir nicht unmännlich vor, daß ich es tat, im Gegenteil. Denn man brauchte nicht alles zu wissen, was ich vorhatte, da ich immerhin über neunzehn war. Da, als ich grimmig ausdachte, wie ich mich benehmen wolle, kam zur Ladentür herein ein junges Menschenpaar, Bruder und Schwester, wie man sogleich sah. Sie waren beide hoch und schlank und von einem hellen, kühlen Blond, und ich wußte, als sie nach Herrn Hagenau fragten, daß es erwartete Gäste waren, Neffe und Nichte aus Holstein oder sonst da oben her. Man hatte bei Tisch von ihnen gesprochen und sie wohl an einem andern Tag erwartet. Aber nun sie da waren, gab es ein großes Grüßen und Händeschütteln. Herr Kasimir verjüngte sein Faltengesicht in der Freude an der Familienjugend und ließ es sich gefallen, daß er auf beide Backen geküßt wurde; das mochte dem Weib- und Kinderlosen ein seltenes Streicheln sein.

Ich hatte das Zusehen dabei, und es war mir einen Augenblick, als sähe ich einen alten ledernen Geldbeutel auseinandertun, verwittert und abgerutscht, aus dessen Innerem es plötzlich hervorgleißte von Gold und Silber, was ihm äußerlich niemand zugetraut hätte, so zum Lebendigen verändert schien es aus dem alten Herrn heraus, den ich noch nie so durchsonnt gesehen hatte.

Da konnte ich nun meine Pfeifen einziehen, was die Tischgesellschaft bei uns betraf, denn Jugend gab es nun gleichfalls im Hause, es war nur die Frage, ob sie etwas von mir wissen wollte.

Die alte Salome ging eilig, um noch irgend etwas einzukaufen, an der offenen Ladentür vorbei, und ich wäre vielleicht wohlfeil davongekommen, wenn ich mich bei ihr abgemeldet hätte. Aber ich tat es nicht, es war keine Rede mehr davon bei mir, sondern ich ging nach einer Zeit, als ich gerufen wurde, mit einer neuen Krawatte geschmückt, zum Tisch und saß herzklopfend neben dem jungen Mädchen, das Eleonore hieß, Eleonore Bitterolf nämlich, und vielleicht zwischen siebzehn und achtzehn war. Es war aber, um es gleich zu sagen, kein junges Mädchen, was man so heißen konnte, sondern eine Dame, vor deren sicherem und gewandtem Wesen und Auftreten ich mich verkriechen konnte. Der Bruder hieß Hermann, hatte ein freies und heiteres Gesicht, erzählte frisch und munter, brachte alle und auch mich zum Lachen und war ein junger Mensch wie ich. Dagegen das Fräulein brachte sogleich die Überzeugung in mir auf, daß es auf mich herabsehe und mich gering schätze, was mich tief kränkte, obgleich ich keinen Beweis dafür hatte. Sie hatte einen kühl-erstaunten Blick zu versenden, wenn ich, von des Bruders frohmütigem Wesen angesteckt, ins Lachen geriet und in die Unterhaltung eingriff in meiner schwäbischen Mundart. Dann wurde ich verlegen und zornig auf mich selbst, daß ich es wurde, sprach schriftdeutsch und stolperte dabei und machte eine unglückliche Figur, vor mir selbst vielleicht mehr als vor den andern, die mich gewiß nicht so wichtig nahmen.

Fräulein Brigittens schöne Augen lagen des öftern aufmunternd auf meinem Gesicht, und sie versuchte mein Schifflein zu steuern und brachte es auch in ruhigeres Fahrwasser, nur durch ihr freundliches Dabeisein. Das Mädchen war vielleicht so übel nicht, wenn man es recht überlegte, es war ihm alles fremd hier unten im Süden, und es hatte von Natur eine andere Gemütsart und Sprache als wir, nämlich eine norddeutsche, da konnte man nichts machen. Dazu kamen die großen hellblauen Augen und die Last des ganz ährenblonden Haares samt der weißesten Haut, was alles zusammen unerreichbar fein und vornehm aussah, so daß man zwar vorläufig einen vorsichtigen Bogen um die ganze Erscheinung herum machte, aber zum Haß keinen ausreichenden Grund hatte. Es wurde auch alles leichter und besser, als der Abend vorrückte. Nach dem Nachtessen gab es Bowle, und als ich aufstehen und mich entfernen wollte, lud mich Herr Kasimir in aufgemachter Stimmung ein, ein Glas mitzutrinken, und ich ließ mich ohne Mühe halten, trotzdem ich Hertha das Mitkommen versprochen hatte. Es wurde musiziert, das Fräulein Eleonore spielte die Geige, die sie mitgebracht hatte, und ich hing mit den Augen an ihr, wie sie so schlank und hoch dastand in ihrem dunkelblauen Kleid und mit sicherer Bewegung den Bogen führte, während dagegen Fräulein Brigitte recht kümmerlich am Klavier saß, was mir heute auf einmal wieder auffiel und mir ein peinliches Gefühl schuf. Aber das konnte bei ihr nie lange dauern. Man brauchte bloß in ihr heiteres, warm beseeltes Gesicht zu blicken, so konnte man sich mit seinem Mitleid verkriechen und sie für eine verkleidete Göttin halten, und dafür sprach auch die Musik, die unter ihren Fingern hervorquoll, wie ein kristallener Bach.