Es war nämlich auf dem Hof ein wilder, störrischer und gefährlicher Zuchtfarren, den zu bändigen, wenn er in der Hitze war, niemandem gelingen wollte, so daß man schon verschiedene Male seinen Tod beschlossen hatte und ihn nur immer wieder behielt, weil er von vorzüglicher Rasse und zur Zucht besonders geeignet war. Wunderbarerweise ereignete es sich, daß, als der kleine Blinde einmal in die Nähe kam und vor den Augen des entsetzten Vaters auf das um sich stoßende Tier zuging, ehe dieser es hindern konnte, der Bulle durch die sanfte und helle Kinderstimme beruhigt wurde und sich sogar von den kleinen Händen streicheln und führen ließ. Das alles war noch nie erhört und ging von Mund zu Munde, so daß das blinde Bübchen eine Art Sehenswürdigkeit wurde und zum Wundertun ausersehen von vielen, denen das, was da und wirklich war, noch nicht genügte, sondern nur ein Angeld und eine Verpflichtung auf Ferneres schien.

Diese kamen aber nicht auf ihre Kosten, sondern als man das blinde Kind nach öfterem Gelingen des seltsamen Versuchs allmählich mit dem Stier umgehen ließ wie mit einem gänzlich unterjochten Feind, ohne genaueste Aufsicht, wurde es zur bösen Stunde von ihm totgedrückt. Es habe noch einen hellen Aufschrei getan und sei tot umgefallen. Der Stier aber sei darauf in solche Raserei geraten, daß man ihn schleunigst habe erschießen müssen; er sei mit einem dumpfen Brüllen in sich zusammengestürzt und habe also leben müssen, bis er sein Werk getan habe.

Das alles habe der Bauer als etwas jetzt Fernliegendes und doch stets Gegenwärtiges ruhig und mit tiefer Stimme erzählt und dabei mit seinen stahlblauen Augen unter weißen, buschigen Brauen wie in eine große Weite gesehen. Maidi habe ihn teilnehmend gefragt, ob er sich vielleicht damals wieder habe Vorwürfe machen müssen, daß er den Stier nicht früher erschossen, das Kind nicht ängstlicher behütet habe. Darauf habe er erwidert, nein, sondern es sei ihm auf einmal aufgegangen, daß alles geschehe, wie es sein müsse, doch aber so, daß der Mensch trachten müsse, aus aller seiner Schuld und dem Bösen, das in ihm sei, und aus dem Unglück, das ihm widerfahre, wenn auch durch eigene Mängel, das Beste zu machen und noch etwas zu tun oder zu werden, was ohne das nicht geschehen wäre. Man dürfe sich natürlich den Schmerzen, die das alles mache, nicht entziehen wollen, denn dann geschähe erst das eigentliche Unglück, ja das Verderben, nämlich das Versinken in Stumpfheit und Gleichgültigkeit, worin dann die Seele ersticke. Ihn habe das schwere Leid seines Lebens aus dem Niederen erlöst, und er beklage sich nicht. Vielmehr habe er Gott von Angesicht gesehen und seine Seele sei genesen.

Das alles erzählte Maidi mit der staunenden Verwunderung, mit der sie es das erstemal mochte vernommen haben, und setzte leise erschauernd hinzu: „Ach, wenn es doch anginge, daß man, ohne schuldig zu werden und ohne solche Abgründe in sich und im Leben zu entdecken, dennoch ein guter und gottgefälliger Mensch werden könnte! Denn das möchte ich, aber vor Schmerzen und besonders vor solchen, die aus eigener Schuld kommen, fürchte ich mich entsetzlich.“ Sie sah mich fragend und von plötzlicher Kümmernis befallen an und sah dabei so unendlich unschuldig und lieblich beseelt aus, daß ich, obgleich mir ähnliches durch den Sinn gegangen war, doch eifrig und hingerissen versicherte, es gebe auch Menschen, die ganz lauter und schuldlos durchs Dasein gehen, und die man gerade wie sie seien lassen müsse als Beweise des Guten an sich und als Herz- und Augenweide für die andern. Das alles wußte ich zwar nicht aus Erfahrung, aber es fiel mir ein, es zu sagen, und ich mag Maidi dabei entzückt und belehrend zugleich angesehen haben, so daß sie, die ein so starkes Gefühl für das Komische hatte, plötzlich anfing, zu lachen und, aber mit einem kleinen Seufzer dazwischen hinein, sagte: „Ach, ich glaube, wir müssen es abwarten. Sagen Sie aber noch mehr solche weisen und angenehmen Sachen; sie freuen mich inzwischen, bis ich dann sehen werde, wie es weiter geht.“

Wir kamen aber beide noch nicht so schnell von der Geschichte weg und hielten uns besonders damit auf, uns das Unglück des Blindgeborenseins so recht innig vorzustellen, um dann desto wonnevoller unsere hellen Augen in der lichten Welt herumzuschicken, deren Höhen und Weiten vor uns ausgebreitet lagen. „Ich will es einmal versuchen,“ sagte Maidi träumerisch, „mir vorzustellen, ich sei blind. Nur eine kleine Weile, fünf Minuten lang. Freilich hätte ich dann immer noch viel vor dem blinden Bübchen voraus, das die schöne Welt nie gesehen hat, während ich mir dreiundzwanzig Jahre lang Vorrat gesammelt hätte für dunkle Tage.“

Sie schloß die Augen und ging mit tastend ausgestreckten Händen, deren eine ich als Führer erfaßte, auf dem moosigen Pfad weiter, während sie offenbar alle Qualen eines, der das Licht nie mehr sehen kann, sich vorzutäuschen suchte, denn ihr Gesicht wurde merklich blässer, und ihre blühenden Lippen zitterten. Sie atmete hörbar und fragte nach einer kleinen Weile: „Sind denn die fünf Minuten noch nicht um?“ Es waren aber erst zwei, und ich riet ihr, doch die Augen aufzumachen, da es schad um jeden Augenblick sei, den man sich trübe. Aber sie schüttelte den Kopf und wollte ihren Vorsatz durchführen, und dabei faßte sie meine Hand fester, um einen sicheren Halt zu haben. Ich aber sah ihr voll in das liebe und schöne Gesicht, und es zog mich unsäglich, es zu küssen, jetzt, da die Augen nicht darüber wachten. Aber ich durfte es nicht tun, und aus Rache und um mein Vergnügen bei der Sache zu haben, schlug ich mit der vorsätzlich Blinden einen düsteren Seitenweg ein, der schmal und dunkel zwischen hohen Tannen hinging, so daß sie, als ich nun den Ablauf der fünf Minuten ausrief, entsetzt die aufgeschlagenen Augen im Halbdunkel umhergehen ließ und vielleicht in den ersten Sekunden fürchtete, zur Strafe für das Spiel mit der Blindheit nun an den Augen gelitten zu haben. Es ging zwar diese Angst gleich vorüber, aber Maidi sagte, als sie wieder im vollen Lichte stand, tief atmend: „Ich tue es nicht mehr. Es ist zu schrecklich. Ich habe es alles durchgelebt in den paar Minuten und dabei das Gefühl gehabt, ich sei selber schuldig, so daß ich nun schon ein bißchen weiß, wie es ist, wenn man ein schlechtes Gewissen hat im Unglück.“ Sie breitete wie zur Entsühnung ihre Arme aus und hob die beiden und auch das Gesicht der vollen Sonne entgegen, wie um sich dem Licht wieder in die Arme zu werfen, das sie einen Augenblick verleugnet hatte. Da sah ich erst, wie gesund, unverstellt und lauter sie von Grund aus war, und spürte mit einer zornigen Verlegenheit, wie wenig ich selber neben ihrer klaren Einfachheit bestehen könne. Ich hatte freilich auch schon oft genug ein schlechtes Gewissen gehabt, aber die Ursachen dazu hatten anders ausgesehen.

Wie nun Maidi ihre Hände ausreckte und eine kleine Weile in der sonnigen Helle badete, kam ein schöner Zitronenfalter durch die Luft dahergetaumelt und setzte sich auf das ausgebreitete, rötlich durchleuchtete Stück Leben, das er für eine schöne Blume halten mochte. Er blieb auch ruhig sitzen, als Maidi entzückt und vorsichtig ihre Hand zurückzog, und ließ sich ein Stück weitertragen, flog dann auf, um zwischen den Bäumen umherzuwirbeln, und kam noch einmal an seinen wandelnden Ruheort zurück, bis er an einer blühenden Waldwiese seine rechte Heimat und Atzung fand. Dieses kleine Erlebnis gehört zum letzten, dessen ich mich von dem sonnigen Tag entsinne. Unser Weg neigte sich abwärts, und wir sahen schon von weitem die Schienen der Eisenbahn in der Sonne blitzen und hörten das Fauchen der Schnellzugslokomotive, die an der kleinen Station vorüberjagte. Wir stiegen den schmalen, trockenen Fußweg hinunter, neben dem schon der Ginster zu blühen anhob, hörten Lerchen singen und sahen weiße Wolken im Blauen dahinziehen und erschraken plötzlich vor der Nähe des Abschieds, denn es war auf Monate, wie wir meinten, und schon das schien uns lang genug. Ich beklagte mich plötzlich wieder über den leeren Sommer, den ich vor mir hatte; und Maidi sagte: „Aber wir haben ja doch beide unsere Arbeit.“ Sie meinte etwas Tröstliches damit zu sagen, und zwar, wie ich wohl sah, so gut für sich als für mich. Aber sie forderte meinen Widerspruch dadurch heraus, denn es konnte kein Vergleich sein zwischen uns, da sie ihre Arbeit liebte und die meinige mich gleichgültig ließ, und da sie außerdem Maidi bei sich hatte, die ich entbehren mußte. Das brachte ich ein wenig störrisch heraus, denn es war mir in der Tat nicht freudig zumute, aber Maidi fing über die letztere Begründung so hell und sonnig an zu lachen, daß ich wider Willen, wenn auch etwas knurrig, mitlachte, und in diesem Augenblick kam der Zug, der an der kleinen Station ganz kurz anhielt, so daß Maidi noch lachend einstieg, so wenig es ihr vor ein paar Minuten drum gewesen war. Ich brauche manchmal eine Weile, bis ich den Grund einer Fröhlichkeit erfasse, die ich an andern sehe und höre; es ist dies bei mir, was man eine lange Leitung nennt, und so merkte ich erst, als Maidis helles Gesicht und flatterndes Tüchlein undeutlich zu werden und zu verschwinden begann, daß ihr Lachen vom hohen Glück selber eingegeben war; denn ich hatte ihr in meiner augenblicklichen Verdrießlichkeit deutlicher als es sonst meine Art war, gezeigt, wie köstlich es mich dünkte, bei ihr sein zu dürfen.

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Ich kehrte nun allein in die Stadt zurück; es dünkte mich aber, als hätte ich nicht mehr viel darin verloren, und ich fing ernstlich an, mich zu besinnen, ob ich im gleichen Trab weitermachen oder Herrn Kasimirs Vorschlag nun ehestens annehmen solle. Es sprach eigentlich fast alles dafür; nur war es mir, als sei ich, wenn ich in das alte Haus zurückgehe, dann für alle Zeit dort angebunden, und der rosenrote Nebel, in dem mir stets die Zukunft gestanden war, verflüchtigte sich dabei, um einem nüchternen Tageslicht Platz zu machen. Es gab keine Fernen und Weiten mehr, wenn mich eine scharf umrissene Wirklichkeit umgab, und vielleicht war die Erfüllung lange nicht so schön, als die Träume von allen Möglichkeiten. Ich dachte hin und her, überlegte, beschloß und verwarf wieder und kehrte immer wieder in meinen Gedanken zu einem lieblichen Spielzeug zurück: zu unserer Gemeinschaft, Maidis und meiner.