„Mutter, wer ist der schöne, alte Herr? Mutter, was hat er gesagt?“ fing ich an. Aber sie war nicht zum Reden aufgelegt. Der alte Herr war ärgerlich geworden, als sie ihm ihren steifen, ungelenkigen Widerstand entgegenhielt. Es waren Funken aus seinen gütevollen blauen Augen gefahren, und die junge Frau war aus dem Nebenzimmer herein gekommen und hatte vermitteln müssen. Er hatte geschimpft und gewettert, daß nirgends mehr Natur sei, Einfachheit, Selbstverständlichkeit. So gottverlassen seien die Menschen, daß sie sich der Glieder schämen, die ihre Kinder in ihrer unschuldigen Pracht mit sich herumtragen.

Dabei war die Mutter immer stummer geworden. Sie konnte nicht dafür, es war ihre Art so. Sie konnte nicht mehr umlenken, wenn sie sich irgendwo festgefahren hatte, auch wenn sie wollte nicht. Sie blieb dabei: „Nackend lass' ich den Buben auf kein Bild, und gar in einer Kirche. Ich versteh's nicht besser, so kommt mir's recht vor.“

Damit ging sie, es half alles nichts.

Sie tat mir das Samtkittelchen aus, als wir daheim waren und ließ mich in Hemdsärmeln auf die Gasse springen. Und ich hörte noch, wie sie zum Heinrich Kilian sagte: „Die Vornehmen sollen mir vom Leib bleiben. Alles drehen sie um und um in einem. Ich versteh's nicht; er ist sonst ein guter Herr, der Herr Professor, und nicht unrecht. Aber im Himmel die seligen Leut' haben doch auch Kleider an, steht in der Bibel. Brav soll er werden und recht, der Bub, sonst nichts. Ich kann nicht draus hinaus, wir haben's bei uns immer so gehabt.“

So ungefähr sagte die Mutter damals. Ich aber stand mitten auf der Gasse und sah das Gärtchen an, das winzige, schmale, und das niedrige Häuslein, dem das steile Dach so tief über den einzigen Wohnstock herunterhing, daß es aussah, wie ein Mensch, dem der Hut in die Stirne gerutscht ist. Und mich überkam ein kleines, dummes Leiden und ein Zorn, daß es alles nicht so schön sei, wie ich es vorhin der Maidi beschrieben hatte, und wie es auch in meinem kleinen Bubenherzen gewesen war. Da ging ich ins Haus zurück und setzte mich auf die Schwelle, die von der Wohnstube in den Alkoven führte, in dem ich mit der Mutter schlief, und fing an, laut hinauszubrüllen, denn ich wußte mir nicht anders zu helfen. Und sie kamen alle zusammen, die Schwestern, der Heinrich Kilian und die Mutter, und fragten, was mir sei. Aber die Mutter sagte: „Lasset ihn nur, er hat's wie ich, er ist aus dem Gleis gekommen.“ Da fing sie sachte an, mich auszuziehen und wickelte mich in den alten, grauen, wollenen Schal, der für alle Schäden gut war, und legte mich in ihr großes Bett, und ich spürte ihre guten, hartgeschafften Hände und roch den Duft von dem Strohblumenkranz, der um des Vaters Bild gelegt war, gerade über meinem Kopf. Da hüllte mich das Heimatliche wieder warm und gewohnt ein, und ich schlief in den andern Tag hinüber. Denn es war noch ein Leiden, das man verschlafen konnte.

*

Aber nach dem alten Herrn hatte ich hie und da ein Verlangen. Nicht nach Maidi und nicht nach ihrer feinen, weißen Mutter. Ja, ich hatte manchmal eine plötzliche Angst, sie könnten kommen und sehen wollen, was ich Maidi beschrieben hatte und was doch nicht so war, und ich müßte mich dann verkriechen in hilfloser Scham. Dann vergaß ich sie nach und nach, und eines Tages stand ich plötzlich vor dem alten Herrn. Es war in einer engen Gasse zwischen hohen Häusern, die sich oben fast zusammenneigten.

Da schritt er fest und rasch daher und war wieder das Hellste von allem.

Ich trug ein neues Ränzlein auf dem Rücken, darin klapperte und rasselte es von Tafel und Griffelrohr, die es bis jetzt noch allein bewohnten, und kam in einem blauen Anzüglein, das mir die Mutter aus einer Arbeitsbluse vom Vater gemacht hatte, gerade aus der Schule, in die ich erst seit Tagen ging. Woher er gekommen war, wußte ich nicht. Vermutlich aus einem der alten Häuser. Er trug den Hut in der Hand und sah beim Gehen links und rechts an den Häusern hinauf, es war aber nichts zu sehen, als alte Giebel und einige Blumenbretter und Taubenschläge und so altes Zeug; aber mich sah er nicht und wollte grad an mir vorbeischreiten. Da griff ich, weil das nicht sein durfte, schnell nach seinem Samtkittel und hielt ihn daran fest und erschrak erst, als ich es getan hatte, über meine eigene Keckheit, denn zuvor hatte ich nichts gedacht, nur gespürt, daß er mir nicht so entschwinden durfte.