[3] Burckhardts Worte aus seiner „Kultur der Renaissance“, die ich schon so lange zitiere, sind nie so beherzigenswert gewesen: „Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes Volk kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.“
Neunter Brief
Es ist nicht wie zu Anfang, da mir die Gefallenen so oft den besseren Teil vorweg zu nehmen schienen. Die jetzt noch fallen, beklage ich. Wer den Krieg bis hierher mit erlebte, fängt langsam an, den Kopf aufzurichten, ob der Himmel sich noch auf keiner Seite lichtet. Schon ringt er um eine Richtschnur inmitten des Wirrsals, abseits von jenen, die noch hin- und herrennen mit dem Geschrei, wer ihn entfesselte. Auch ein heraufziehendes Gewitter ist bis zuletzt etwas Ungewisses. Der Wind kann die Wolken auseinandertreiben; das Gewitter kann vorüberziehen. Doch bricht es los, so darf mit Fug behauptet werden, daß es kommen mußte, und ebenso wird es nicht einen, sondern viele Gründe dafür geben, daß es sich entlud. Und ebenso, denke ich mir, werden für die Nachwelt die Urheber dieses Krieges vor dessen vielverzweigten Ursachen zurücktreten, und diese wiederum werden weiter zurück reichen als Cromwell und der Dreißigjährige Krieg, Peter der Große und die Borgias. Und seinen unzähligen Ursachen entsprechen unzählige Gesichtspunkte. Von diesem Gesichtspunkte aus gesehen war er eminent vermeidlich, von jenem unvermeidlich; betrachtet ihn von dieser Wolke aus, und er war ach! so vermeidlich! noch höher, und er mußte sich noch einmal (zum letzten Mal!) unweigerlich ergeben.
Denn alle Biologie in Ehren: aber diejenigen (und sie sind noch zahlreich), welche da wirklich vermeinen, solche Kriege, die nur deshalb einen solchen Haß auslösen, weil sie Bruderkriege geworden sind, solche Kriege seien an sich etwas zu Bejahendes, fernerhin Notwendiges, und die Zustände, das Chaos, das sie schaffen, die seien in der Ordnung, eine Institution gleichsam, die ihre Richtigkeit habe und in der Natur der Dinge liege wie ein Erdbeben oder ein Orkan, die Völker selbst hiermit nur dem blinden Element oder der reißenden Tierwelt vergleichbar, die willenlos ist — diese Leute sollten, falls sie weiterhin in der Welt entscheiden dürfen, doch wenigstens so viel Logik aufbringen, daß sie das Straßburger Münster wie den Kölner Dom, St. Pauls Cathedral wie die Peterskirche als vollkommen lächerliche Objekte proklamieren und dem Schicksal der Kathedrale von Reims überweisen, das Wort Christentum aber als das einzig wahre Fremdwort ausmerzen, oder wenigstens sollten sie eine Doktrin, von welcher nicht die allerleiseste Notiz genommen wird, nicht mit so fluchwürdiger Stirn der Form nach noch aufrecht halten, daß sie gar noch in den Gerichtsstuben mit ihren Sinnbildern hantieren und auf das schwören lassen, worauf sie doch im vollsten Sinne des Wortes pfeifen.
Doch, was sage ich? Sind nicht unter eben diesen Zeichen die wüstesten Greuel in der Welt entbrannt? Und hat nicht eine Wahrheit zu um so widerlicheren Auswüchsen geführt, je erhabener sie war? Was Wunder, daß in einer Christenheit, in welcher die Inquisition möglich war, dieser Krieg sich noch ereignete! Denn ist dies nicht ein und dieselbe Welt? Fällt je etwas aus ihr heraus? Ja, wir bedachten es nicht!
Jetzt aber kann man der Verwundeten und der Gefangenen nicht denken, ohne daß sich das Mitgefühl auch jenen Vereinzelten zuwendet, deren es heute in allen Ländern gibt, die von dem Strom der Gedankenlosigkeit, der alles umwarf, nicht fortgerissen wurden, sondern von ihrer brennenden Erkenntnis, wie in Einzelhaft verwiesen, allein und abgetrennt, ihn überragen.
Man schreibt gewiß nicht ohne innere Pein Sätze nieder, wie ich sie heute in der „Fackel“ finde: „Der kriegerische Zustand scheint den geistigen auf das Niveau der Kinderstube herabzudrücken“. Aber nicht länger bin ich der Meinung des Verfassers (was nicht geschieht, um ihm entgegenzukommen, der ein paar Seiten weiter die Äußerung zu Drucke bringt: „Eine Frau soll nicht einmal meiner Meinung sein, geschweige denn ihrer“), nicht länger teile ich seine Meinung, wenn er auf die Frage, die er aufwirft: „Was kann durch den Weltkrieg entschieden werden?“ sich selbst zur Antwort gibt: „Nicht mehr, als daß das Christentum zu schwach war, es zu verhindern.“ Ja, ich maße mir die Meinung an, daß er da wirklich mit einer unzureichenden Leuchte an das Problem herantritt. Das Christentum war nicht zu schwach, sondern zu stark, und die Menschheit evoluiert derart langsam und in so verzweifelt weiten Kurven um dies Gestirn, daß ihr sich trotzdem vollziehender Aufschwung, vollends zur Stunde einer Sonnenfinsternis wie der heutigen, dem freien Auge sich völlig entziehen muß. Aber der Gewalt des Christentums tut die menschliche Hinfälligkeit keinen Abbruch; ja unerbittlicher könnte es nicht wider uns triumphieren, dafür, daß wir statt seiner eine irländische, eine polnische, eine elsaß-lothringische Frage als unerschütterliche Pfeiler setzten und deren Last — wäre auch im Vergleich zu ihr jedes Joch süß und jede Bürde leicht — folgerichtig auf uns nahmen, als seien sie, die doch im Lauf der Jahrzehnte zerrinnen und verwehen werden wie nie Gewesenes, der Dinge Letztes und Endgültiges!
Überlegter ist es, durch das Alberne so wenig wie durch das Abgeschmackte irre zu werden, ja selbst durch das Ekle und das Scheußliche nicht, das giftigen Schwämmen gleich den Katholizismus überwuchs, sich an ihm festfraß und tief unter sich begrub, sondern an dessen goldenem Befund festzuhalten, in weiten Kunstbögen der Berührung mit all seinen unberufenen Vertretern bedachtsam auszuweichen, um in der Vermutung nicht gestört zu werden, daß, wo einmal dieser viel mißbrauchte Kult zu seinem adäquaten Ausdruck gelangt, eine Höhe des Daseins sich ergibt, die alles andere weit unter sich läßt, solche Erkorene aber entsprechend seltener noch wie in der Kunst vorkommen, weil sie weiter Abgelegenes umspannen und wieder zum Ausgleich bringen müssen, daß, wo diese Wage aber stillhält, die Würde des Gedankens nicht nur unbeschadet bleibt, sondern unsagbare Schwingungen erfährt. Nicht länger von dem Wörtlichen, dem Absurden, noch dem Betbrüderischen genarrt, vielmehr auf das in Platons Sinne Ballförmige erpicht, vielmehr dem Versteckten, Verschleierten auflauernd, dringt ein solches Denken triumphierend zum Profanen vor und vindiziert es hinzu. Nun erst dem Verhaltenen, Entzogenen, dem Eingeraupten, in Perspektiven Fortgetragenen und Flüchtigen auf der Spur, tut sich ihm dort das ewig Mutierende, Ebbe und Flut, der Ozean, das Planetare auf, wo andere, von der Enge abgestoßen, verzagen und verzichten. —
Daß heute, wo die Welt wie nie zuvor zu einem Jammertal versank, daß sich ihr da zum ersten Male die Umrisse der Gestalt des Hirten vollgültig umschrieben, ist diese Tatsache keiner Deutung wert? Nicht Feind vom Feinde, nicht ihre Konfessionen scheidend, ist Impartialität, die hoch und einsam über die gebeugten Völker ragt, bei ihm allein. Ist dies kein Innehalten wert? Die wahre Fahne, die alle umwallt, entrollte nur er. Und wer, Jud oder Heide, spottet heute dieses Hirten ohne Herde und dennoch Hirten, wie nie zuvor; nie zuvor so gebieterischen und so weithin deutlichen Reliefs, von der Wahrheit selbst gleichsam emporgehalten und hinausgestellt, aus der Ohnmacht erst geschaffen, wie es scheint . . .
Oder soll ich es in Währungen ausdrücken, da sie es doch sind, welche diese Zeit in ihre Bahnen warfen? Nun, wie zwei Münzen, für was sie gelten und nur auf ihren Klang hin und ohne Kommentar werfe ich sie hin: Wilson und Benedikt. Denn wer hörte nicht von selbst die schwere, gewaltige vor der hohlen und hinfälligen heraus? Wen erschreckte da nicht der Unterschied? Sogar Amerikaner. So viel Phantasie haben sogar sie.