Diese wenn auch noch fiktive Unterbrechung ihrer Tage mußte sie sich jetzt schaffen, denn der Spleen saß ihr immer tiefer im Nacken. Wem er nie widerfuhr, wie könnte der begreifen, daß eine ledigliche Stimmung in dem Maße unsere Energie lähmen darf? Ein paar vor uns liegende Tage nehmen da die bedrohliche, unübersehbare Länge finsterer Jahreszeiten an, und man entschließt sich nicht eine Straße hinabzugehen, weil einem vor der weiten Reise graut. In Westminster Abbey hatte Mariclée die Flucht ergriffen, weil in dem grasigen Hofe das Sonnenlicht so qualvoll stille auf dem Gemäuer lag und die etwas rudimentäre englische Gotik (sie feiert keine heimlichen Minnelieder in luftigen Balustraden, tröstlichen Pfeilern und Koloraturen) ihr das Herz zermalmte. Ihre Fenster sahen auf einen grünen Hof, eine gotische Kirche und ein paar Bäume. Und auch hier steigerte sich der helle Tagesschein, der darüber leuchtete, zu einem so kranken, unerträglich wehen Licht, daß sie die schweren Vorhänge gesenkt hielt, um es auszuschließen. Mariclée lag im Dunkeln auf dem Diwan ihres geborgten Salons, als plötzlich ein Pfiff ihre stillen Räume durchdrang. Sie stürzte an die Tube. Der Liftjunge meldete einen Besuch und fragte an, ob sie empfing.

Es war die Dame aus Hampstead, die als Antwort des eingesandten Empfehlungsbriefes erschien und ehe Mariclée die Vorhänge zurückschlagen konnte, stand sie schon an der Schwelle. Sie war sehr provinzlerisch, hatte Zähne, vor denen man sehr erschrak, und auf ihrem Hute schwankten rote, lächerliche Blumen. Aber den Ausschlag gab eine anheimelnde Begrenztheit, die Mariclée unverweilt zu Herzen ging. Sie war die Gutherzigkeit in Person, hielt sich nicht lange auf, und lud Mariclée ein, den morgigen Sonntag nach Hampstead zu fahren und den Nachmittag und Abend mit ihrer Familie zu verbringen. Gewiß, natürlich, mit Vergnügen würde sie kommen. Es war ein kurzer Besuch und weil ihr bangte, so schnell wieder allein zu bleiben, und sie ihren Brief aufgeben wollte, gab sie dem Gast zur naheliegenden Victoriastation das Geleite. Erst auf der Straße im Sonnenlicht bemerkte sie deren erhitztes und ermüdetes Gesicht. Sie hatte die Mühe nicht gescheut, in dieser Glut so weit zu ihr herauszufahren und Mariclée hatte nicht einmal daran gedacht, ihr eine Tasse Tee anzubieten. Dies war unverzeihlich. Allein es stand geschrieben, daß sie sich mit dieser Familie stets schlecht benehmen würde.

Und der Sonntag kam: auf heißen, bleiernen Sonnenrädern kreiste er über die Stadt. Mariclée mußte an Münchener Freunde denken, die ein junges Krokodil in einem Glaskasten aufgezogen hatten: an einem schönen Frühlingsmorgen stellten sie ihn auf die Veranda, und vergaßen ihn dort; die Sonne prallte gegen das Glas, und nach Verlauf von ein paar Stunden lag hier, verdurstet und verdorrt, ein in dem kalten Deutschland vor Hitze verendetes Krokodil. Und so ward ihr die Einsamkeit, der sie sich zur Unzeit in die Arme geworfen hatte, zum erstickenden Glaskasten.

Sie wohnte in einem sogenannten mansion das heißt, es fehlte die persönliche Bedienung, aber läutete man, oder blies in die Tube, so meldete sich ein Stubenmädchen oder ein Liftboy oder ein Kellner, und wer nicht ausgehen mochte, konnte zu Hause essen, vorausgesetzt, daß er auf den Sonntag nicht vergaß. Als sie da um zwei Uhr klingelte, hieß es, die Küche sei gesperrt und sie hätte nichts bestellt. Sich aber in den heißen Häuserozean zu stürzen, und nach einem Hotel zu fahnden, dazu fehlte ihr ganz und gar die Kraft. Zur Teezeit würde sie ja in Hampstead sein, und so lange hielt sie es schon aus. Später beim Umkleiden fror sie, woraus sie schloß, daß es kühler geworden sei, und sie zog sich herbstlicher an.

Aber draußen wehte keine Luft, nur heißer Benzinhauch, und die Häuser begannen zu schwanken und zu brausen, und wie Wellen sich zu häufen, unbarmherzig und uferlos. Die Dächer glitzerten, die Fenster blendeten . . . so kam sie nach Hampstead. Das Haus der irischen Familie aber war luftig und groß, der kühle Salon fast ein Saal. Er überblickte einen flachen, reizenden Garten, und schweres Silber schimmerte vom Teetisch. Mariclée warf einen raschen Blick auf die hot-cakes und nahm sich vor, eine hübsche Anzahl davon zu essen, aber sie brachte, so vorzüglich sie waren, kaum das erste hinunter und zerbröckelte es mit etwas zitterigen Fingern.

Die Familie war sehr zahlreich und bestand aus alten Eltern und gereiften Söhnen und Töchtern. Nach dem Tee wurde gefragt, ob sie lieber zur Hampsteader Heide oder zum Tennisklub ginge. Ach! sie schielte nach dem Garten! aber der Tennis, sie merkte es gleich, stand auf dem Vergnügungsprogramm des Tages und so zog sie denn mit, und in der Sonne, auf einem unbequemen Klappstuhl placiert, sah sie den Spielenden zu. Was sie da vor Augen hatte, war gute Bourgeoisie, abseits des Snobismus, wie der Eleganz. Wer immer zu ihr sprach, sprach ihr mit einer herzhaften Breitspurigkeit, die wir fast schamlos fänden, ausschließlich vom Wetter. Aber Wetter, Politik und Sport sind eben die drei brennenden Themen in England. Und dann war von diesen spielenden Männern keiner von des Gedankens Blässe angekränkelt; sie fanden im Ballwerfen nicht Erholung, sondern Beschäftigung, und selbst die schon Ergrauten hatten etwas von sympathischen Kindern an sich. Nur für den Schneider machte es einen Unterschied.

Mariclée saß in ihrem heißen Kleide in der Sonne, unbeweglich mit aufgespanntem Schirm und von den Wettergesprächen grenzenlos ermattet, als plötzlich ein neues Klubmitglied in Gestalt eines Franzosen auf dem Platze erschien. Darob entstand nun — der Entente cordiale zum Trotz — allgemeine Verwirrung und Konsternation. Ein Ring des Schweigens zog sich um ihn; verstohlene Blicke gingen hin und her, zögernde Mienen umgaben ihn: er war wie unter die Wilden geraten. Mit einer Geste selbstloser Entschlossenheit legte endlich eine Spielerin ihr Rakett hin und begann mit dem neuen Ankömmling ein wundervolles Gespräch. Der Franzose, der sehr höflich, aber aus Bordeaux war, gab sich erst alle Mühe zu verstehen, dann aber zu vertuschen, wie wenig er von dem entlegenen Französisch dieser Engländerin erriet, und statt ihr beizuspringen, hielt Mariclée ihren Schirm etwas tiefer und horchte so ergötzt, daß sie alle ihre Leiden darüber vergaß.

Als es endlich kühl und angenehm im Freien wurde, brach alles auf, um sich für den Abend umzuziehen. Sie indessen blieb wieder in dem luftigen Salon, bald von diesen, bald von jenen Mitgliedern der Familie unterhalten. Und jetzt sprach man nicht mehr vom Wetter zu ihr, sondern von den Kriegsplänen der Deutschen gegen England. Sie raffte sich auf, sie abzuleugnen, und voll Eifer zu versichern, daß wir die Engländer liebten. Dann fragte alles, ja wozu wir dann in so wütendem Tempo unsere Kriegsschiffe bauten?

„Weil es nichts Rückständigeres gibt, als die Gegenwart,“ sagte sie plötzlich. Der Satz gehörte nur weitläufig hierher, aber sie hatte ihn irgendwo einmal mit Erfolg geäußert, und half sich schnell damit aus. Die Worte fingen nämlich jetzt an denselben Tanz aufzuführen, wie vordem die Dächer und Häuser. Mein Gott! dachte sie, wann essen diese Menschen zu Abend? Jetzt wollte gar der Hausherr den Gedanken näher erörtert haben, und seine Tochter setzte hinzu: o, sie hätte schon vernommen, was für eine geistreiche und interessante Person sie sei. Mariclée wollte etwas darauf erwidern, aber statt dessen streckte sie die Hand aus, und fiel zurück.