„Aber die Entdeckung?“
„Ferner wollte ich wissen,“ fuhr sie fort, „warum dagegen bei so großer Divergenz des Geistes die Sottise française und die Bêtise allemande so stammverwandt sind, und so ausgezeichnet harmonieren, daß sie die reine Terz abgeben! Dies ist meine Entdeckung. Was geben Sie mir dafür?“ und sie streckte lachend die Hand aus. Denn Mariclée wurde stets sehr aufgeräumt, wenn man auf ihre Worte achtete. Vor leidlich klugen Leuten konnte sie nicht bestehen. Es bedurfte wirklichen Scharfsinns, denn sie war allzu elektrisch: wer nicht fest auf die Klinge drückte, vernahm keinen Ton.
Als sie nach Hause kam, lag schon ein Brief ihrer Freundin vor, der genaue Angaben betreffs ihres Zuges enthielt, und ebensowenig wie das Telegramm auf das bewußte „ganz unmöglich“ einging. Sie las ihn noch unten in der Halle. „Es wird, wie’s wird,“ dachte sie, „zum Absagen ist es zu spät.“ Und sie betrat den Fahrstuhl, vor dessen Tür ein Junge wartete. Den Dienst besorgten zwei Liftboys, von welchen der eine häßlich war und untersetzt, der andere einen eleganten Kopf auf einem hochgewachsenen Körper trug. O Macht der Schönheit! Immer zog sich ihr Herz zusammen, wenn sie der Häßliche hinaufzog.
Drittes Kapitel
Früh am nächsten Nachmittag fuhr sie statt in einem Taxameter aus Liebhaberei in einem Hansom zur Bahn, weil es sie jedesmal optimistisch stimmte, wenn sie in diesem so geschmackvollen und würdigen Vehikel einherzog. Der Londoner Himmel sah aus, als ob er überhaupt nie wieder zu regnen, noch je ein Wölkchen aufzubringen gedächte. Ihr Hansom fuhr recht gemächlich, so daß sie Zeit hatte, eine Revision ihres Geldbestandes vorzunehmen. Denn Mariclée notierte nie eine Ausgabe, weil es sie deprimierte, und ihre Rechenkünste beschränkten sich darauf, daß sie hin und wieder zusammenzählte, was ihr noch blieb. Man hatte ihr versichert, in England sei es akzeptiert dritter Klasse zu fahren, selbst für die reichsten Leute; sie fand das zwar im höchsten Grade merkwürdig von diesen reichen Leuten, allein die Fahrt war teuer, sie trug sich noch mit ungewissen Plänen, und mußte in petto die sehr bedächtige Ameise spielen, wollte sie auf ein Weilchen den Schein der zirpenden Grille vertreten. Sie lief also erst auf den Perron, sah mit Späherblicken umher, und musterte alle Reisenden. Es war ein denkbar philiströses Publikum, und sie löste beruhigt eine Karte; kaum schritt sie aber wieder den Zug entlang, als eine Dame vor ihr stand, die genau aussah, als führe sie nach Glenford. Ihr Haar war wundervoll aufgebaut, in der Hand hielt sie ein Safrantäschchen (ihre Tiara?) und nicht nur eine Jungfer, es summte auch, halb Hofprediger, halb Monsignore, der distinguierteste aller Kammerdiener um sie her. Mariclée wollte an das andere Ende des Zuges gehen, aber der Schaffner beschied sie, daß nur ein einziger Wagen bis nach Ollerton lief. Es war derselbe, den die Dame bestieg. Ihre Reisegefährten, ein borstiger alter Brite und seine unschöne ältliche Tochter waren vielleicht sehr reich, elegant waren sie nicht. Sie sahen aus als bewohnten sie in irgendeinem geisttötenden Nest ein phantasieloses Cottage. Und so war es auch. Als der Zug vor einem öden, roten Städtchen hielt, befanden sich die beiden offenbar zu Hause. Statt ihrer zog jetzt eine große Hutschachtel in das sehr schäbige und schmutzige Kupee, gefolgt von einem Fräulein in Filosellhalbhandschuhen und mit zerstochenen Fingern. Aber vielleicht war sie sehr reich und nähte nur zu ihrem Vergnügen. Die Dame mit der Tiaratasche fuhr noch immer mit. Schon wurde Leicester ausgerufen. Da — o unverhoffte Freude! Wahrhaftig sie entstieg dem Zuge, auf Nimmerwiedersehen überschritt sie die Plattform, von ihrer Jungfer, ihrem päpstlichen Legaten und Mariclées Segenswünschen gefolgt. Bald darauf kam ein Fluß und ein Hügel, der sich ganz für sich allein am Ufer hinzog und hier stieg auch das Fräulein mit der Hutschachtel aus und Mariclée war allein. Wie eine schimmernde Schale breitete sich das Land vor ihren Blicken aus, und der Tag schien in seinem eigenen Glanze versunken. Die Sonne goß jetzt ermattet Ströme silbernen Lichtes über die umfriedeten Äcker und die in biblischer Ruhe gelagerten Schafe. Und die umflitterten Bäume, das wellige Land, die schwimmenden Fernen, sie alle schienen zum Meere hinzuwallen oder zu rufen: „Als eine Insel liegen wir im Meeresschoß!“
In den leeren Wagen drang bald darauf der Abend mit köstlicher Frische herein; niemand störte sie mehr. Der Zug fuhr durch das versonnene Land wie im Traume dahin und erfüllte die stille Luft mit seinem Gerausch. Wälder tauchten empor, Dörfer, verlorene Städtchen richteten sich auf, doch unaufhaltsam eilte er jetzt an ihnen vorbei. Über den schlicht gepolsterten Sitzen hing ein Spiegel. Mariclée band sich einen neuen Schleier um, und fing an sich zu richten. Ihr halb gejagter, halb duldender Blick machte ihr nichts weis. Sie wußte, das Wesen, das sie da mit so ernster Miene ansah, war jetzt doch in seinem Element und liebte es halb als Heldin, halb als Abenteuerin sich zu fühlen. Bald kam es jetzt, das prunkende, ewig umdüsterte Haus, Englands berühmtes Geisterschloß mit seinen trauernden Fenstern. Würde man ihr wieder dasselbe Zimmer geben? sie erschrak bei dem Gedanken. Weiß Gott! der Gespenster hatte sie vergessen.
Der Zug näherte sich wieder einer kleinen Station, aber statt durchzufahren hielt er diesmal an. Ein Lakai im langen weißen Mantel lief hin und her, während ein großer Herr in hellem Überrock auf jemanden zu warten schien. Es stieg aber niemand aus.
Da riß ein Schaffner an ihrer Türe, rief heftig: „Ollerton“ und im Nu sprang Mariclée heraus. Die Station war erweitert worden, sie hatte sie nicht wieder erkannt. Geschwind war sie beim Gepäckwagen und zeigte dem weißen Lakaien ihren Koffer, der mit großer Eile ausgeladen wurde. Schmerzlich fielen ihr dabei alle Gegenstände ein, die in ihrem Kupee für die nächste Millionärin, die dort einsteigen würde, zurückblieben: ein Sonnenschirm, ein Täschchen, Handschuhe und ein Buch. Sie hatte noch Zeit. Sollte sie sie schnell aus der bekannten Dichterklasse hervorholen? Nein, gewiß nicht. Dazu war sie viel zu feig. Stand der Herr noch hinter ihr? hatte er sie gesehen, oder hatte er sie nicht gesehen? Aber natürlich hatte er sie gesehen. Sie war ja das einzige, was auf dieser Plattform zu sehen war. Nicht nur, daß er sie gesehen hatte, er sah sie an.
Mit einem halben Lächeln nähertretend, zog er den Hut und sie erwiderte seinen Gruß.
Wenige Schritte vor ihnen stand ein Auto, der weiße Lakai hatte sich schon zum Chauffeur geschwungen und sie stiegen ein.