„Nein, in Cornwall.“
„Sagten Sie nicht, er sei hier?“
„Die anderen Herrschaften sind hier. Der Herr ist in Cornwall.“
Sie hing das Rohr wieder ein; sie wußte kein Wort mehr zu sagen und fragte nicht, wie es ihm ging. Was frommte es ihr, dies heute zu wissen? Wer gab ihr morgen Ausschluß über sein Befinden? War er für sie nicht tot? Die Augen saßen ihr wie Feuerbälle tief in den Höhlen und brannten vor Sehnsucht.
„Welch ein Ende!“ rief sie laut. Da schreckte sie ein Geräusch, schnell verhallte Schritte dicht hinter ihr. Wer hatte sich hierher geschlichen, ihre Jammergestalt zu belauschen? Aber niemand trat hinter den Pfeilern zurück, die kahlen Mauern waren schattenlos geblieben, die Halle war leer.
Nur draußen auf der Straße war einer gekommen, vor der Pforte stehen geblieben und wieder vorübergezogen. Etwas Weißes schimmerte durch den Kasten: ein Brief aus Cornwall.
„So sehe ich mich denn, so leid es mir ist, am letzten Tage noch genötigt, von meiner Londoner Reise abzusehen und direkt nach Southampton zu fahren, um mich morgen früh um zehn Uhr mit der „Adriatic“ einzuschiffen. Denn auch ich verlasse morgen England“ . . . .
Es war kein langer Brief: die übliche nüchterne Fassung und die Worte abgezählt wie in Telegrammen. Warum lag da Mariclées Kopf plötzlich wie hingeschlagen auf dem Marmortisch? Was war anders geworden? welcher Vorhang zerrissen? welches Tor gesprengt? War’s ein chiffrierter Brief, der anders lautete, als er hieß? standen Dinge zwischen den Zeilen, die nur sie entziffern konnte? Nein! Nichts. — Er war keiner, der dunkle Worte schrieb oder Rätsel zu lösen aufgab. Aber ebensowenig lag es in seiner Natur, etwas Unbedachtes zu äußern, und das Zwecklose war ihm so konträr wie einer Katze das Schwimmen. Wenn er ihr mitteilte, daß seine Abreise für denselben Tag wie die ihrige festgesetzt sei, und ihr Schiff und Stunde angab, so geschah dies, damit sie ihre Folgerungen daraus zöge. (Sie kannte ihn zu gut!) Es geschah weder, um sie zu rufen (so radikalen Maßnahmen war er spinnefeind) noch um ihr zu sagen: „Tue dies,“ wohl aber: „es ist das einzige, was sich eventuell noch tun ließe.“ Und indem er es in ihre Hand gab, machte er nicht nur das Unmögliche möglich, er setzte sie wieder in Amt und Würden ein, was sie erst für wohl überlegt erachtet, und was sich dann mit Spott und Hohn wider sie gekehrt hatte, war wieder der richtige Weg. Ach! hätte sie doch standgehalten und sich dieser frohen Wendung würdiger gezeigt! Sie war wieder ganz in ihrem Element, wieder von der Zauberluft umflossen, deren sie bedurfte, um zu atmen. Wie ein Fischlein, das noch eben jämmerlich im Sande zuckte und das ein gutes Geschick in die Wellen zurückwarf. Ihr Plan, blitzschnell gefaßt, saß ihr schon fertig im Kopfe. Wie gewagt, wie schwierig er auszuführen war, wollte sie jetzt nicht bedenken: das kam später. Vorerst durfte sie keinen Augenblick verlieren, vielleicht kam alles schon zu spät. Sie flog auf ihr Zimmer, um sich anzuziehen, konnte sich aber an Schnelle nicht genugtun, so daß sie ihre Sachen, die ihr doch zur Hand lagen, nirgends sah. Nichts zeigte sich als eine dünne Bluse mit kurzen Ärmeln, und wo steckten denn ihre Handschuhe? War denn alles verhext? sie fand nur ein altes, zerrissenes Paar, das sie weggeworfen hatte, fuhr aber zugleich in ihren Mantel, ließ die Handschuhe fallen und hob in der Eile nur den einen auf. Himmel! und wo war ihr Schirm? Richtig! den hatte ihr Klara abgenommen.
„Klara! Klara!“ rief sie in den Gang. Aber bis die ihre Treppe heraufkam, das war zu lang! soviel Zeit durfte sie nicht verlieren. Ohne zu warten griff sie rasch nach ihrem weißen Sonnenschirm; der grüne (zwar lehnte er in der Ecke) war einfach unauffindbar! und stürmte die Treppe hinab, auf die Straße. Klara sah nur mehr ein paar aufgerissene Schubfächer, in denen blindlings alles durcheinander lag, als hätte ein Affe darinnen getobt. Mariclée war längst unterwegs. Sie ging nicht, sie rannte. Kein freier Wagen fuhr ihr entgegen, und sie ließ sich nicht Zeit, sich nach einem umzusehen. Wenn sie nur nicht zu spät kam! Wenn nur das Schiff in einem französischen Hafen einlief! Wenn sie nur genügend Geld besaß! Sie ahnte ja nicht, was auch die kürzeste Fahrt auf einem großen Dampfer kostete. Vielleicht das Zehnfache! was wußte sie? Ach, warum hatte sie das unnütze Döschen gekauft und den sinnlosen Spiegel und heute morgen soviel Geld hinausgeworfen! Hier war er jetzt, der „unvorhergesehene Fall“, um dessentwillen sie auf so viele Dinge verzichtet und sie nicht gesehen hatte. Und nun? — Ein Glück, daß sie sich beim Taschner nicht entschloß. Barmherziger Himmel! wenn sie auch noch das Köfferchen gekauft hätte. Sie lief mit ihrem weißen Sonnenschirm unter dem strömenden Regen Piccadilly entlang. Die Leute drehten sich um, und es wunderte sie gar nicht. „Es ist mir ganz egal,“ dachte sie. „Wer kennt mich?“ Aber es war wirklich kein Aufzug. Und dieses Ärmelarrangement! Die der Bluse waren an sich kurz, besonders die des Mantels reichten nicht bis zur Hand. Die eine, im defekten Handschuh, welche den Schirm hielt, trug in höchst uneleganter Weise das Gelenk und eine unbedeckte Spanne des Armes zur Schau. Die andere hing rot und verfroren herab. Bei Cooks zögerte sie einen Augenblick, bevor sie eintrat, und erwog, ob sie den Schirm nicht lieber preisgeben und draußen vor der Ladentüre stehen lassen sollte; dann ging sie doch mit ihm hinein. Wußte sie denn, wie die Würfel für sie fallen würden? und vielleicht mußte sie besten Falles bis ins Allerkleinste sparen und brauchte den Schirm zum Heimweg. Im übrigen war sie jetzt zu größeren Opfern bereit. Sie zog ihre bloße Hand möglichst weit zurück, so daß es aussah, als ob sie keine hätte, trat an den nächsten Schalter hin und erkundigte sich, ob die Dampfer, die von Southampton nach Amerika fuhren, unterwegs in einem französischen Hafen anhielten.
„Das kommt ganz auf den Dampfer an.“