L’ÂME AUX DEUX PATRIES
SIEBEN STUDIEN
Von
ANNETTE KOLB
Das scheinbar kränkste Volk kann der Gesundheit nahe sein, und ein scheinbar gesundes kann einen mächtig entwickelten Todeskeim in sich bergen, den erst die Gefahr an den Tag bringt.
Burckhardt: Cultur der
Renaissance, II. Band
Verlegt bei Heinrich Jaffe
München 1906
Von den folgenden Studien sind drei in der „Neuen Rundschau“, beziehungsweise der Wiener Wochenschrift „Die Zeit“ erschienen.
D. V.
I.
Zwei Stunden von Paris liegt zu Füßen einer hohen Ruine ein altes Städtchen, das an einem Hügel herumklettert. Und ringsumher einsiedlerische Wälder, sonnige Gefälle, lauernde Teiche, an deren Rande dunkle Vögel mit unheimlichen Schritten spazieren gehen; und ringsumher verträumte, weltentrückte Auen.
Ein sonniger Spätsommertag ging zur Neige, als mein Zug vor diesem Städtchen hielt, das mir allzu stille Tage zu verkünden schien.
Aber in ein Milieu, in dem es ausschließlich Diplomaten, Abgeordnete, Direktoren politischer Revuen und Vertreter großer Zeitungen zu sehen gab, sah ich mich da plötzlich wie hineingeschneit. Mein Tischnachbar war gleich am ersten Abend ein ganz schief gewachsener und ergrauter, aber sehr strammer Herr, der mich übrigens gänzlich ignorierte. Dabei sprach er fortgesetzt, richtete aber seine Worte nur an den Hausherrn. Der Blick seiner Augen, die wie zwei Sterne leuchteten, war starr wie ein Scheibenherz. Mit größter Präzision wußte er eine Reihe von Themen so eindringlich und zugleich so eilig durchzunehmen, als gälte es, innerhalb der wenigen Stunden, die er hier verbrachte, seine Gedanken für Jahre hinaus und auf Jahre zurück zusammenzufassen. Es war dem Uneingeweihten nicht möglich, ihm zu folgen, oft auch nur zu erraten, wovon er sprach.