Sie hatte die Stadt der Kreuz und Quere nach durchstreift, an Brücken, stillen Plätzen und verlornen Straßen geweilt, und schon erblaßte der Himmel. Gänzlich ihrer Stimmung hingegeben, war ihr Bewußtsein wie umflort, von der Atmosphäre des alten und des neuen Frankfurt durchdrungen, und von der sterbenslauen Luft, in der ein Klang lag ewiger Ermattung, von ewiger Vergänglichkeit.

In einer kleinen, verträumten Sackgasse machte sie Halt, um ihren Weg zur Bahn zu erfragen; und von einem entstellten Profil Richard Wagners, das dort in der Auslage eines Musikladens prangte, wandte Marie, die ungern Häßliches sah, im Vorübereilen den Blick.

Allein ihre Stunde war gekommen.

Den Abend verbrachte sie mit Honorien in aufgeräumtester Laune, erzählte, was sie gesehen, gehört, gegessen hatte, und unterbrach die Browningsche Lektüre mit allerlei Späßen.

Dies war ihre vorletzte Nacht in Homburg, und entmutigt schlief sie ein. Wann endlich würde sich ihr Leben bewegter gestalten? — Sie gedachte der vergnügten kleinen Konditorsfrau in Frankfurt, an die sie heute so viele Fragen gestellt, die über ihren schmucken Laden nicht hinausdachte und inmitten ihrer Glasglocken, ihrer Schokoladekrapfen und Schaumrollen ein Dasein lebte, vor welchem Marie erschauerte.

Aber was hatte sie denn selbst von ihrem klein bißchen Bildung, als daß sie für die Alltäglichkeit auf immer verdorben, auf immer beunruhigt blieb. Heiß schoß ihr das Blut zu Kopfe: was wußte sie denn? — und was sollte sie von Honorien halten, die über ihre Theorien zu leben verlernte?

Es war finster und still in ihrem Zimmer, als Marie erwachte. Sie besann sich nicht sogleich, was dies wilde Klopfen ihres Herzens verursacht, was sie geweckt, was sie gesehen hatte. Dann stürzte sie ans Fenster und riß es auf. Östlich dämmerte ein heller Streifen durch die Nacht, allein den Tag in ihrem Herzen begrüßte sie mit einer Flut immer neu hervorbrechender Tränen, daß ihr Gesicht erblindete wie eine Scheibe unter dem Regen.

Jenes selbe Profil, von welchem sie gestern im Vorübereilen den Blick abwandte, hatte sie verherrlicht, zwei Schritte vor sich, mit unbewegtem, gerade ausschauendem Auge gesehen. Aber es war ein vergöttlichtes Auge, weltenstrahlend, weltenspiegelnd und von unvergeßlicher Größe; ein individuelles und doch gänzlich entrücktes Auge! Es waren die ewigen Augen Wagnerscher Werke.

Wie ein Erdboden durch plötzliche Erschütterung, so hatte ihre Gesinnung durch ein so ungeahntes Bild eine Umgestaltung erfahren. Es war seltsam, es war spaßhaft genug und sie wußte, welchen Hohn die Tatsache gerade in ihrem Herzen finden, sie verfolgen würde! Hier war sie: ein junges, bis ins Mark vergnügungssüchtiges Mädchen, das nichts mehr zur Ruhe bringen, in dem nichts den einen brennenden Wunsch mehr betäuben konnte: die Wahrheit zu suchen.

Denn sie wußte in dieser stillsten Stunde ihres Lebens, daß Unwissenheit es war, die jenen Gram in ihr erzeugte, weil Gedanken hinter jenen unruhigen Schatten ruhten, die sie schreckten, und daß nichts sie retten konnte, als ein hellerer Kreis des Wissens, der sie schützend umschloß, als ein Glaube, um den sie selber rang.