„Wer ist das?“ fragte ich unwillkürlich.
Meine Tischgenossin hätte meinen Ausruf lieber ignoriert, aber dann siegte der Wunsch, mich zu belehren: „First cousin to Lord Sullivan“ beschied sie kurz. Hatte ich denn schon einen Lord oder die erste Cousine eines Lords getroffen? Geschah es nicht zum ersten Male, he? War ich denn von
good family? Schwerlich. Sie richtete ihre Jammerbüste auf. „Armer Lord Sullivan,“ bemerkte ich. Der Reverend trug einen Band Ruskin unter dem Arm, er scheute sich nicht, Hahn in diesem Schauerkorb zu sein und nahm gegenüber the Honourable Sardine Platz. Unter ihrem Vorantritt verfügte man sich dann in den Salon. Es tagte noch. Ich floh ins Freie, der Via Tornabuoni zu. Dort konnte man hübsche, junge, leichtsinnige Kokotten sehen, das Hütchen lustig hinausgeschoben oder kecker noch hereingesetzt. Und harmloser, unschuldiger muteten sie an, als die geschützte Kohorte der Pension Malocchio. (Schon, o schon nannte ich sie so.) Und sie taugte nichts, die miese, zufällige Jungfräulichkeit der gealterten Schar dort oben, eine gezogene Niete nur, unheilig auch sie.
Süß aber war die Vergessenheit dieses Abends. Ich ging in einer Rosenwolke. Der Frühling hatte einen wilden Tag gehabt. An wie viel Hängen brach er heute aus! Den kühlsten Gründen nicht mehr neu. Zwischen schweren Blättern drückten sich die Blumen vor. Jetzt ging er zur Ruh. Es stand ihm eine aufgeregte Nacht bevor. Der Mond war voll. Schon steigerte sich das Gebüsch. Ich sah ihm an, wie es sich bereitete. Vor dem Hôtel de Ville machte eine offene Droschke halt: schmale Schuhe, die schnell Fuß auf der Erde faßten, eine rasche Gestalt: „Wahrhaftig Sie sind es!“ rief die Dame.
Es war die eine Hälfte jenes Hochzeitspaares, das zu Mary Coroughdeen gekommen und dann nach Neapel gefahren war. Der Mann befand sich jetzt in England infolge eines Trauerfalles, und sie wartete in Florenz auf seine Wiederkehr. So kam ich ihr wie gerufen.
„Aber ich fahre morgen nach Rom.“
„Das dürfen Sie nicht! Sie dürfen mich nicht so verlassen. Warten Sie nur noch drei Tage und ich komme mit Ihnen.“
„Meine Pension“, sagte ich, „ist wirklich zu greulich.“ – „Neben mir wird morgen ein Zimmer frei,“ rief Eleonor. Sie lief in die Halle. Ich wollte ihr folgen. Da war sie zurück. „Es ist schon reserviert!“ rief sie mir zu und zog mich wieder ins Freie.
Es paßte mir nicht recht; ich wollte doch nach Rom, aber sie war so willensstark. Arm in Arm streunten wir nun durch die Straßen, und ich erzählte ihr alles. Ich trug den vorfrüh gekauften Hut. Wir lachten, und ich aß noch einmal zur Nacht. Ich skizzierte ihr die Schreckensschar und den Reverend in ihrer Mitte. Eleonor sagte: „Wir haben in Venedig eine Wohnung gemietet, an der Giudecca, und Sie müssen uns dort besuchen.“ „Schön, schön“, sagte ich. Quer über den Platz kam ein Bekannter auf uns zu, und ich nahm eine Einladung für den nächsten Abend von ihm an.