Wie? –
Aber warum nicht? Man sieht doch jetzt Geister erscheinen, materialisierte Hände in der Luft entstehen, Blumen oder Reiterstiefel aus dem Nichts in die Welt hineinwerfen. Was sollte da eine Hexe so Wunderliches sein? Wie oft sah ich nachts zum Fenster hinaus, ob sie nicht durch den Schornstein fuhr. Nicht mager, sondern ein Gerippe, war ihre Brust eine Höhle, ihre Achseln eine Gruft. Sie hatte mich im Norden eingefangen, und waghalsig, wie man in früher Jugend ist, war ich ihr gefolgt. Sie hatte sich in den Kopf gesetzt, ein Buch über Musik zu schreiben, und brauchte jemanden, der ihr abends all die Dinge vorspielte, welche sie dann morgens, gleich nach dem Frühstück, schnell in Literatur umsetzte. Es war ihre Art, musikalisch zu sein. Nun stand mein Talent zum Vom-Blatt-Spielen zu meiner lückenhaften Schulung ganz außer Verhältnis. Dies war just, was sie suchte. Unser Pakt war also folgender: ich sollte nur für meine Reise aufkommen, ihr vierzehn Tage lang allabendlich vorspielen, dafür bei ihr wohnen und Florenz sehen können. Dieser Punkt wurde auch ganz geschäftsmäßig auf ihr Konto gesetzt. Zwar, wie sollte man es anstellen, in Florenz Florenz nicht sehen zu können, aber ich willigte ein. Florence vaut bien une sorcière, dachte ich. So fuhr ich hin.
Aber leider lebte sie gar nicht in Florenz, sondern von der Piazza del Duomo bis zu ihrer Mulde, die ganz ohne Verbindung lag und zu der keine Straßenbahn, kein Gleis führte, hatte man geschlagene zwei Stunden zu gehen. Nun herrschte sie allerdings über einen verhexten Schimmel und ein Gefährt, das sie stets selbst kutschierte, aber Pferd und Wagen standen nicht im Kontrakt, und sie bot mir niemals an, mit ihr zu fahren.
Zweites Kapitel
Geist besaß sie ganz entschieden, aber die englische Spinster neigt ohnedies zur Verdünnung und nie, schien mir, war eine so unbarmherzig unter die Räder geraten, an keiner hatte sich die klassische Drohung, von der uns Plato berichtet, so drastisch erfüllt, wie an der Hexe des florentinischen Tales. Denn nicht nur, heißt es, hätten uns die Götter dereinst gespalten, daß wir, statt über vier Beine und vier Arme zu verfügen, auf die Hälfte unseres ursprünglichen Seins angewiesen wurden, sondern es könne wohl geschehen, daß die also beraubte und reduzierte Kreatur nicht mehr aus Übermut zwar, aber aus Mangel und Sehnsucht heraus sich zum Schöpfer erhebe und von neuem die Götter reize. Und diese in ihrem Zorn würden sie zum zweiten Male spalten, daß sie, zur Profilgestalt geschwunden und nach Art der Zikaden dahinhüpfend, ihr dürftiges Dasein verlebe.
Am frühen Nachmittag lenkte sie – die Finger um den Knauf der Peitsche gekrallt – ihr leeres Gefährt nach der Stadt, und die unleibhafte Figur mit der schiefen, gewölbten Schulter, dem scheinbar nur profilierten Kopf, ragte gar spukhaft über das Pferd, das alsbald mit unheimlicher Willenlosigkeit, ja wie entsetzt, zum Tore hinauslief. Ich folgte zu Fuß den Weg hinab, den sie voranzog, und ihr nachsehend war ich es zufrieden, daß sie mich nicht einlud, so wenig lockte mich ihre Nähe. Aber das gealterte Jahr kehrte schon seine bleichsten, müdesten Tage ans Licht, und die Dunkelheit überraschte mich oft mitten auf der Straße, die sich in glatten Schleifen so lange hinzog. Sie war einsam genug. Die wenigen verstreuten Bauernhäuser kehrten ihre Fenster scheu der Bergwand zu und tauchten unter, bis es wieder tagte. Aber die dunkle Leere, der frische Abendwind, die Einsamkeit dieses Tales war so hold; ich dachte an unsere nordischen Berge; wie schroff und finster sie sich des Nachts wider den Wanderer zusammenschlossen! Wie beschwichtigend dagegen umschatteten sie ihn hier! Es lag etwas Schweifendes, weit Umfassendes in der florentinischen Nacht, das bei Tag verflachte; etwas so Beseeltes, daß es wie kleine Flügel an meinen Sohlen hing. Oder war es die Freude, im Dunkeln die Gegend zu durchstreifen und die Welt so ganz allein für sich zu haben, niemanden, der sie mit einem teilte noch durch seine Begleitung störte? Es war so neu! Aber die Hexe hatte mir verraten, wie sicher die Wege hier seien, und mir von der engelsgleichen Bevölkerung, die hier lebte, erzählt. Vielleicht hätte ich mich auf einer deutschen Landstraße im Finstern gefürchtet. Wer weiß? ich hatte es nie erprobt. Es war mir nie gestattet gewesen. Hier aber fühlte man sich so ungefährdet. Merkwürdig, wie man das fühlt, dachte ich. Denn nichts lassen sich sehr junge Menschen schneller suggerieren, als den Glauben an die Ungefährlichkeit aller Dinge: ja in ihrer bereitwilligen Unerschrockenheit liegt etwas, das sie sozusagen an den Rand der Welt hinaus verweist, als gehörten sie infolge ihrer Unerfahrenheit nicht recht in sie hinein.
So kehrte ich jetzt nie mehr vor Abend zurück. Um die Teezeit hatte die Hexe nicht selten Besuch. Doch als ich da anfangs erschien, hungernd nach anderen Gesichtern, verhehlte sie mir nicht, daß sie meine Gegenwart verwünschte. Die Leute, die mich hier trafen, schienen überrascht, zeigten mir aber ein Entgegenkommen und ein Interesse, das vielleicht auch Neugierde war. Auch mochte der Kontrast so großer Jugend sie rühren. Einmal war die schöne Frau Coroughdeen gekommen, die mich zu sich lud, als wüßte sie schon von mir. Aber ich wagte nicht sie aufzusuchen, denn die Hexe schien zu glauben, diese Einladung sei nur als Höflichkeit für sie selber gemeint. So machte ich mich jetzt schon früh auf den Weg, um ihren Anblick zu fliehen und kam erst am späten Nachmittag zurück. Ihr Speisesaal hatte vier Fenster, und im Tageslicht von allen Seiten unerbittlich beleuchtet war sie entsetzlich. Ach! wie trugen sich ihre trostlosen Umrisse über Treppen und Gänge ein und waren vom Garten unzertrennlich. Nein; es half nichts bei Tage, von ihr wegzusehen. Ich gab es auf, legte die Gabel hin und faßte sie ins Auge, da es doch kein Entrinnen gab. Abends hatte man doch die dunklen Wände und den Kerzenschein, in dem man – von ihr weg – entgeistert starren konnte, während man mit ihr sprach. Ja sie liebte das. Ich war noch viel zu harten Herzens, um zu würdigen, wie bitter sie selbst den ausgreifenden Bannkreis ihrer Häßlichkeit empfand. Die Eisfelder von Labrador wehten keine wehere Kälte aus als diese einsame Kreatur, und ich war zu leichtsinnig, um zu bedenken, wie sehr ich sie durch meine Abneigung reizte.
Meinen eingegangenen Verpflichtungen kam ich übrigens sehr gewissenhaft nach und spielte ihr allabendlich auf einem erträglichen Flügel, solange sie nur wollte. Ich tat es mit Vergnügen, wenn auch denkbar dilettantisch und zerstreut. Ein richtiger Musiker hätte mich vor Ungeduld geschüttelt. Die Hexe aber merkte nichts und ich frönte ihr gegenüber jenem Hochmut, den sich der Deutsche in Dingen der Musik gestattet. Damals trug ich mich allen Ernstes mit der wilden Idee, dereinst als geniale Dirigentin die Welt an der Spitze eines Orchesters zu überraschen. Zwar bereitete ich mich auf diesen glorreichen Moment nicht anders vor, als daß ich, auf jenes imaginäre Talent mich berufend, das Klavier geringschätzte! Dafür malte ich mir immer wieder und mit besonderem Feuer aus, wie ich eines Tages das Publikum in atemlosem Banne halten und mein Orchester zu fliegend stürmischen, trommelnden Taten hinreißen würde. Je weniger die Wirklichkeit mich befriedigte, je mehr Zeit verlor ich mit solch nichtigen Träumen.
Eines Abends auf dem Heimweg phantasierte ich wieder so lebhaft über dieses Thema, daß ich unwillkürlich den Arm ausstreckte, als hielte er schon den Stab über das Heer der Musiker geschwungen. Ich ergoß Ströme tönenden Goldes in eine vor Schweigen knisternde Luft, beschwingte sie, blies sie bis zur Trunkenheit an. So etwas hatte noch kein Publikum erlebt. Es fehlte nicht viel, daß es vor Entzücken anfing zu tanzen. Einige begannen heimlich zu fliegen. Als ich den Taktstock hinlegte, entstand ein unheimliches Geheul der Begeisterung. Man stürmte das Podium. Ich sah, ich hörte noch den Jubel der entfesselten Scharen, aber ich konnte nicht mehr zur Wirklichkeit zurück. Plötzlich sah man mich schwanken. Ich brach zusammen. Ich war tot.
Ein kalter Wind, der vom Apennin herüberblies, riß mich aus dem imaginären Konzertsaal ins Freie und zur Ernüchterung zurück. Ich stolperte mit staubigen Füßen über ein paar Steine: und ich war müde. Zur Erholung überdachte ich nun, wie gut ich es tags zuvor der Hexe herausgegeben hatte, als sie mich auszuholen suchte für ihr dummes Buch. Was schöner sei: eine Symphonie oder ein Quartett, hatte die gelehrte Heuschrecke mich gefragt; und ich war stolz-ärgerlich um den Flügel herumgegangen. Was schöner sei: ein Porträt oder eine Landschaft, hatte ich sie zur Antwort schnippisch gefragt und alsbald wieder zu spielen angefangen, zum Zeichen, daß ich nicht zu diskutieren wünschte. Denn, hatte sie keinen Platz für mich in ihrem leeren Wagen, so gedachte auch ich kein übriges zu tun. Wie sie mich haßte! Aber noch zwölf Tage ... Inmitten der dunkelnden Leere wurden da in der Ferne Schritte vernehmbar. Sie belebten irgendwie diese weite Stille. So war man doch nicht ganz allein. – Ja noch zwölf Tage und die drei Wochen waren vorüber und unser Pakt gelöst. Welches Glück! Wie bezaubernd war doch das Leben! Und Hoffnungen und Illusionen beflügelten meinen Gang.