Als sie bei ihrer Ankunft in München Glucks Oper „Iphigenie in Tauris“ auf dem Zettel sah, ging sie noch selben Abends hinein. Es war eine der letzten Vorstellungen, die unter Levis eminenter Leitung und einer Besetzung alternder aber trefflicher Leute dort stattfanden, und Marie atmete auf in der Atmosphäre dieses edlen Werks.

„Die Ruhe kehret mir zurück.

So sollte meine Qual Euch Ihr Götter ermüden.“

Es war Orestens Lied, und in prachtvoller Wiedergabe, die eherne Begleitung des Orchesters.

In diesem Augenblick kulminierte das musikalische Vermögen, die Genialität des Dirigenten. Nicht so sehr „gestaltend“ stand er dem Meisterwerke gegenüber, als daß seinem unvergleichlich künstlerischen Impuls, seiner in höchster Passivität so wundervollen Ergriffenheit die tief umhülltesten Regionen sich erschlossen. So stand er unbeweglich, mit gesenktem Stabe, nur verklärten Auges sein Orchester bannend. Aber der Hauch von Ewigkeit, der über den friedensvollen Fall der Baßtöne gebreitet liegt, riß Marie mit fort. Kein anderes Kunstwerk sollte je wieder jene selbe überwältigende Wirkung in ihr hervorrufen, zu der sie jetzt ihr abnorm gesteigerter Gemütszustand befähigte. Sie verlor das Gesicht. Der Wunsch, den sie so früh gehegt, er war ihr erfüllt, die Müdigkeit, die sie so früh empfunden, sie war von ihr genommen, und sich selbst, der eigenen Dürftigkeit, der eigenen Torheit, allen Schranken des Persönlichen weit enthoben, behielt sie nur das Bewußtsein eines strömenden Glücks.

So waren denn die Würfel gefallen. Ihr Drang nach Erkenntnis war stärker als ihr Sträuben, als ihre Trägheit und ihr Unvermögen.

Stundenlang saß sie nun, meist ganz vergebens, — über einer einzigen Seite Kants. Aber gerade bei ihm, dem sie ein so lückenhaftes Verständnis entgegenbrachte, durfte sie, zum Atome sich erkennend, ruhn, — wenn sie die Schwingen ewiger Begriffe auf Augenblicke streiften. Denn Marie hatte Geist, doch keine Geisteskraft, niemanden, der ihr half, noch sie belehrte! Nur einem Menschen, dessen Überlegenheit ihr nach allen Seiten hin entsprach, hätte sie sich ohne Reue anvertrauen können, und einen solchen Freund zu haben, war ihr nicht vergönnt. So mußten denn die Bücher ihre Freunde, ihre Lehrer werden. Und schon hatte sie erkannt, daß hervorragende Anlagen nur eine gefährliche Mitgift sind, wenn gerade sie einen versöhnenden Ausgleich innerer und äußerer Widersprüche erschweren. Sie hatte erkannt, daß nicht das Leben, für welches wir geschaffen wären, in die Wage fällt, daß nicht wir selbst, sondern unser Geschick das Gegebene ist, und daß sie nicht dem Knechte gleichen durfte, der mit seinem einen Talent verzagte und es vergrub. Am schwersten ließ sie sich’s mit Schopenhauer werden, der den jugendlichen Leser terrorisiert. Und wer war sie, daß sie es wagte, ohnmächtig, verzweifelnd, so lange gegen ihn anzustürmen, bis ihre innerste Überzeugung sich wieder von ihm losriß, von seinem großartigen Gedankenring gefördert und belehrt, ihm nicht länger unterworfen war?

Wagner aber lehrte sie, wie mit jener Philosophie zu verfahren sei: Die schroff eingehemmte Theorie der Willensverneinung lenkte er versöhnend zu Parsifals Erkenntnis, und Schopenhauers elementare Lehre der Liebe veredelten und krönten Tristan und Isolde.

Einen heißen einsamen Sommer verbrachte sie mit Platos Büchern und unter Tränen las sie das herrliche Symposion. Hier war ein Ziel und göttliches Verweilen, der Harmonien seliger Hauch, und wie vom hohen Berg herab lag da die Welt, — beschaulich, — unbegehrt, — zu ihren Füßen.

Aber sie war schön, diese Welt! Feierlich und groß! — Und alles in ihr erhielt Sinn, Leben und Bestand durch Bezüge. Und in Bezügen lag ein Schwerpunkt selbst der größten Geister.