Nicht länger glaubte ich da die Empörung verantworten zu dürfen, die mich auf der Fahrt nach Frankreich ergriff, als ich von meinem Zuge aus im Morgengrauen französisch aussehende Häuser auf deutschem Boden sah und unvermutet alle Trauer, die an dieser verlorenen Erde haftet, mitempfand, von jener Flut von Trübsal eingeholt, mit ihrem universalen, geisterhaften Anrecht: jenem geheimnisvoll, zeitlos elementaren Etwas — der Zeit bittersten Rest! —, den sie als unser Erbteil zurückläßt. Ach, dachte ich, wann wird der Tag anbrechen, an welchem sich der letzte Schlachtenplan zum letzten Ritterharnisch als Museumstück gesellen wird, weil zwischen Nationen wie den unseren, der Gedanke in Stücke gerissener oder zerschossener Glieder mit der menschlichen Würde nicht länger verträglich, geschweige denn rühmlich erschiene!

Drei Jahre, glaubte Bismarck, seien das äußerste, was sich in der Politik voraussagen ließe, und: „für drei Jahre haben wir heute vorgebaut,“ meinte er nach einem seiner größten diplomatischen Erfolge der achtziger Jahre.

Und darum wissen wir heute nicht, wozu er sich damals entschlossen hätte, welchen Plan er damals entworfen und ausgemeißelt, ob er dem deutschen Volke nicht einen gleichwertigen anderen Entgeld ersonnen hätte, wenn er damals schon einer deutschen Kolonialpolitik hätte Rechnung tragen müssen.

Jene Worte am Abend seines Lebens haben einen so nachdenklichen Klang; „Das westliche Glacis, das wir ihnen nehmen mußten, was sie uns nie vergessen werden.“

Es ist der Gedanke an unser zuversichtliches Bewußtsein alles dessen, was er heute, angesichts der vielen veränderten Faktoren unternehmen, an die Initiativen, die ein Mann wie er heute ergreifen würde, der ihn uns unersetzlich erscheinen läßt. Denn der Geist seines Wirkens schuf ihn zu einem Lehrer, weit mehr als seine Taten, die das Schicksal und die Zeit ereilen können. Und wer tiefer in jenen Geist einzudringen suchte, wie könnte der noch zweifeln, daß ein heutiger Bismarck, gleichviel welcher Nation er angehörte, jene große Einigungsidee, die einst ein kompaktes Italien und ein kompaktes Deutschland schuf, in erweitertem Sinne zu vertreten und aktuell auszugestalten wüßte? Wer könnte zweifeln, daß ein heutiger Bismarck, ob er unser eigener, oder Cavours, oder Gambettas Landsmann wäre, zum Vorkämpfer eines föderierten Europas würde?

Eins aber konnte nur Paris in seinem überlegenen Reiz mich lehren, dies schimmernde Paris, das sich vollenden durfte, wie inmitten einer Welt des Friedens: Nicht um eine Minute hatten wir die Kultur dieses Landes zurückgeworfen, das als ein unerhörter Feind der unseren in der Geschichte steht.

Ich war empört in meiner Mauernische aufgesprungen: und nicht länger hielt es mich da in dem verlassenen Garten. Der Zwiespalt, der mich bewegte, ließ mir dies Land, mein eigenes, die ganze Welt beengt erscheinen.

Unsichtbare Schatten glitten schon durch das Tageslicht und hielten die alten Bäume umschlungen. In peinigender Flüssigkeit und Süße durchschauerten sie die Luft. Wir waren Brüder! Noch stehen sie überall, die Spuren unserer einstigen Gemeinschaft, unsere Kathedralen, unsere Minnelieder und Novellen. Und heute sind wir Nationen, die sich schon lange insgesamt langweilen, weil gerade in der Reife, zu der unsere nationalsten Züge und Besonderkeiten gediehen sind, das Bewußtsein unserer Halbheit und in der Verschmelzung unserer Qualitäten der Keim vollkommenerer Typen liegt. Wozu sich betören? Von Herzen froh wird man ja heute nirgends. Kläglich veraltet und vermorscht sind heute unsere tausendjährigen Familienzwiste, als könnte ihrer Asche allein der neue Phönix unseres Erdteils entsteigen: nur einem „greater Europe“ ein „greater England“, „greater Germany“ und „greater France“.

1905 in der Wiener „Zeit“.

II.