„Es gibt noch Leute, mein Herr,“ unterbrach ihn ein vergrämter, früh verabschiedeter einstiger Diplomat, „welche in der französischen Revolution den unglücklichsten Augenblick in der Geschichte unseres Volkes erkennen.“

„Doch nur,“ rief er, „weil es vor seinem eigenen edlen Freiheitsgedanken nicht bestand und die eigene Saat mit dem eigenen Blute unheilvoll tränkte! Denn während aus jenen Gedanken über das ganze zivilisierte Europa ein belebender Zug strömte, weilen in seiner Heimat, an seiner Quelle selbst, unversöhnt, unüberzeugt, die Sühnegeister der Gemordeten. Jeden Hauch veränderter Gesichtspunkte halten sie zürnend von ihren Nachkommen ab, und nicht das Leben, wie es sich seitdem erhob, nicht das Königtum, wie es sich seitdem verjüngte, sondern ein altes verstaubtes, ewig überwundenes Königtum, möchten sie in vergoldeten Kutschen einholen und begrüßen.“

Einen Augenblick war es still, wie in einem verzauberten Schloß.

„Sehen Sie sich doch die Elemente an der Spitze unserer Verfassung an!“ sagte der Hausherr, der die Place de la Concorde nie anders als Place Louis XV nannte.

„Bedenken Sie den Spielraum, den wir ihnen gelassen haben. Bedenken Sie, daß es bei uns zum guten Ton gehört, sich für Politik nicht zu interessieren! Indes selbst die Herrscherhäuser anderer Länder ein so weitgehendes Verständnis für die großen Strömungen an den Tag legten, welche die Welt Frankreich verdankt, und welchen die erste Gesellschaft Frankreichs widerstrebt! Eben weil ich ihr Kontingent hoch einschätze, erscheint mir diese Gesellschaft in so hohem Grade verantwortlich für Extreme, die ich mit Ihnen beklage, und als deren bitterster Ankläger sie sich erhebt. Denn ihre Geschichte, — und er deutete auf die Wände, von welchen die Ahnen des Hauses in Harnisch oder Lockenperücken hernieder sahen — ist nicht mehr wie bisher die ihres Landes.“ —

Immer schneller fuhr der Zug dahin mit seinem gleichmäßig gleitenden Gerolle, das uns schweigsam macht und die Nachdenklichkeit erhöht. Draußen lag schon Blässe über das Land gebreitet und blässer noch, im langen, regelmäßigen Viereck, schimmerte da, wie entschlafen, ein künstlicher Teich, und weiter zurück, fast geisterhaft, das prunkvolle Versailles mit den majestätischen Senkungen seiner Terrassen.

„An was denken Sie?“ fragte mich da plötzlich mein Reisegefährte.

„Wie soll ich das der Reihe nach sagen?“ erwiderte ich. „Gedanken können sehr wohl in Schwärmen auf uns eindringen und ebenso wieder verfliegen.“

„Aber eine Taube in der Hand,“ sagte er, „ist besser, als viele auf dem Dache.“

„Nun, ich dachte an Ihre gestrigen Theorien und geriet dabei vom Hundertsten ins Tausendste. Alle Äußerungen, welche die Geistesart, den Charakter einer Nation am geschlossensten kundgeben, reizen und fesseln mich, denn unwillkürlich beziehe ich auf Deutschland, was immer im Ausland mein Interesse erregt. Allein ich staune, wie mächtig innerhalb eines kleinen Gebietes der Nationalgeist benachbarte, verwandte Völker auseinanderhält, wie verschieden er sie bildete, und daß in einer Welt, die überall so gleich, unter Menschen, die sich überall so ähnlich sind, hier der Schwerpunkt aller Verschiedenheiten liegt.“