Ich hielt einen Strauß wundervollster Blumen. Besonders prangte da eine ganz erstaunliche Rose, mit der man immer wieder sich befassen mußte. Sonst war ich eigentlich eher verstimmt. Ich kam gerade von einem Frühstück, das mir, solange es dauerte, sehr belebt erschien, bis ich nachträglich merkte, daß es mich gelangweilt, und daß all die unnützen Worte, die ich vernommen oder selbst gesagt, ja selbst all die schönen saillies und mots d’esprits mich zuletzt verdrossen hatten. Gott, und mein Nachbar erst, wie sich der verpuffte! Es glitzerte und flickerte, jedoch das Wässerlein war seicht, und war kein Fischlein darin.

Vielleicht ist die Gemütlichkeit dasjenige, was wir bei den Franzosen, ob hoch oder niedrig, am öftesten vermissen. Und sie ist es, welche der médiocrité allemande vor der médiocrité française, den kleinen Leuten vor den petites gens den Vorzug verleiht.

Ich steuerte indes der Madeleine zu und verfehlte dort wie gewöhnlich meinen Weg. Der Zeitpunkt, den ich für eine Verabredung in der Rue Montalivet getroffen hatte, war längst vorüber, und immer irrte und eilte ich noch durch ein ganzes Strickwerk kleiner Gassen, als ein Mann, der seinem rußigen Aussehen nach Lokomotivführer oder Tunnelarbeiter sein mochte, plötzlich wie aus dem Erdboden vor mir stand. Indem ich nun im Sturmschritt an ihm vorüberging, sah ich ihn stutzen und mit einem leisen, halbunterdrückten Ausruf des Entzückens auf meine Blumen starren. Einem Impulse folgend hatte ich da auch schon die Wunderrose hervorgezogen, wandte mich im Gehen schnell noch einmal um, warf sie ihm in einem Bogen zu und eilte weiter. Auch wäre mir der kleine und so flüchtige Vorgang kaum im Gedächtnis haften geblieben, hätte er da nicht etwas wie ein Freudenlichtlein in mir angesteckt. Denn es hätte kein Mann von Welt, kein Fürst den Sinn dieser zugeworfenen Rose mit bereiterem Takte erfassen, noch mir zarter dafür danken können, als dieser zerlumpte junge Mensch in seinem Kittel; und ich werde ihn nie vergessen, den edel aufleuchtenden Blick, als er die Rose auffing.

Ein paar Tage darauf ging ich abends wieder die Rue St. Honoré hinauf, wieder auf dem Weg zur Rue Montalivet, und war noch viel müder und verstimmter als das erste Mal. Denn ich hatte in Paris kein Glück, und konnte mich doch nicht davon losreißen. Statt daß aber auf französischem Boden die französische Seite meines Wesens in Schwung gerät, geht es mir gerade umgekehrt; unter Franzosen wird mir so deutsch zumute; Deutschland klingt und rauscht in Frankreich durch mein Herz; wie in ein Wetterhäuschen zieht sich Marianne tief zurück, und einsam wie eine Schildwache rückt Michel vor.

Wie ferne, dachte ich, sind die Franzosen selbst mir, die ich schon mittewegs zu ihnen stehe! Und im Lichte unserer immer rascheren Verkehrsmittel wollte mir die gute alte Zeit, je weiter sie zurücklag, nur um so schlimmer, und jede, die verflossen, als abgetan erscheinen; denn Lloyddampfer, Blitzzüge und Automobile waren im letzten Grunde Friedensmaschinen, während die idyllischen Postkutschen, in ihrer Unfähigkeit einen Kontakt zwischen den Ländern aufrecht zu erhalten, Nationen und Staaten eines Stammes bis zur Unkenntlichkeit sich entfremden ließen.

Tief in Gedanken ging ich also meines Wegs und merkte nicht, daß die Straßen immer leerer wurden. Mit seiner Dinerstunde nämlich läßt der Pariser, ob Kapitalist oder Concierge, nicht spassen, und zwischen acht und neun Uhr ist Paris am stillsten. Zu meinem tiefen Schrecken sah ich jetzt plötzlich meinen Weg durch einen Arm, den unter der Türe eines finsteren Hauses ein Mann vor mir ausstreckte, gesperrt. „Donnez moi de l’argent!“ sagte er auffahrend, „ou achetez moi du pain.“ Er hielt sich im Dunkeln und ich unterschied nur seine Größe und den gerade ausgestreckten Arm. Ohne eine Miene zu verziehen, als hätte ich ihn nicht vernommen, als sei ich eine wandelnde Uhr und mein Gang nur ein Pendelwerk, ging ich an ihm vorüber. Aber an der Bewegung meines rechten Armes konnte der Mann, wenn er mir nachkam, sehen, daß ich in die Tasche griff. Immer im selben Takte weitergehend fingerte ich mit der rechten Hand, was ich an kleiner Münze spüren oder greifen konnte, hervor, und an der Ecke der Rue de l’Elysée, drehte ich mich um. Der Mann war mir in einiger Entfernung mitten auf der Straße gefolgt, blieb nun auch stehen und wartete. Aber etwas Furchtbares und Verzweifeltes in der Haltung dieses Menschen veranlaßte mich, ihm in meinem besten Salonschritt näher zu treten, und es vollzog sich auf einmal etwas, wie eine szenische Wandlung. Denn nicht wie einem Bettler und nicht wie in einer feuchten, glitschigen Straße, im dürftigen Laternenschein, sondern wie auf Teppichen und unter Kronleuchtern schritt ich auf ihn zu und händigte ihm die elenden Sous wie einen Tribut mit einer vagen Geste ein. Der Mann machte rasch Kehrt, und ich verfiel wieder in meine vorige Gangweise, als hätte nichts ihr Tempo unterbrochen. Plötzlich aber wurde mir bewußt, wie sehr diese Begegnung durch den Stempel des Stolzes, den jener Unglückliche seiner kläglichen Forderung lieh, mich entzückte und begeisterte.

Und Michel trat zurück und ließ Mariannen vortreten. Herrliche Kinder! dachte ich, diese Franzosen. Aus ihren Herzen brach er hervor, jener Gedanke tiefinnerster, reinmenschlicher Gleichheit, über dessen Adel uns nichts hinwegtäuschen darf.

Aber Kinder! Und wüßten sie es doch endlich über dem Rheine drüben, in welchem Sinne die Franzosen Kinder sind. Oder sind die Deutschen, die keine Kinder sind, zu naiv, um es zu lernen? Denn hier liegt der wahre Grund zu all den kontinuierlichen und unerfreulichen Gegensätzen, die einer wahren inneren Annäherung der beiden Nationen, und wenn sie beiderseits noch so sehnlich empfunden wäre, immer wieder im Weg liegt.

In einem Zeitalter, wie dem unserem, in unserem so klein gewordenen Europa weiß sich der Franzose das deutsche Gemüt noch immer nicht zurechtzulegen, der Deutsche den Franzosen noch immer nicht zu behandeln. Denn für die Mobilität, die Akuität — ich muß bezeichnenderweise lauter Fremdwörter gebrauchen. — der französischen Empfindungsweise zeigt der Deutsche wenig Sinn. Der Franzose, der auf Nuancen eingerichtet ist, harrt indes vergebens, daß der andere, dem sie ganz entgangen sind, darauf eingeht und fühlt sich von ihm verletzt. Der andere borgt sich dafür bei ihm das Wort: sensibel, denn mit der sensibilité, dieser kleinen Münze des Gemüts, führt er nicht Haus.

Kurz: für ihr Gefühlsleben finden die beiden Völker nicht den adäquaten Austausch. Denn wahrlich nicht der Geist der zwei Nationen ist es, der sie auseinanderhält. Der Idealismus, der geistige Ausblick des Deutschen ist vielmehr der mächtigste Anziehungspunkt für den Franzosen, und in der Anerkennung unserer Vorzüge legen sie ein Verständnis und eine rückhaltlose und geniale Großherzigkeit zutage, vor der länger zurückzustehen uns weder zum Lobe noch zum Nutzen gereichen könnte.