„Sie vergessen, daß ich Deutschland liebe.“

„Es sind Gefühle, die wir zu wenig teilen, als daß sie uns interessieren könnten“, erwiderte er steif.

Wir sprachen dann von anderen Dingen.

6. MAI. Besuch von Frau Karfunkel. Sie fragt mich, ob ich eine Revolutionärin sei, und ich bin im Augenblick zu müde, es zu wissen. Das Wort „gekrönte Republik“ fällt mir ein, das kürzlich vor mir gefallen war. Mochte es herhalten. „Eine gekrönte Republik“, sage ich und gähne.

Daß Frau Karfunkel mich kaum kannte, hinderte sie nicht, mir jetzt eine jener Szenen zu machen, die man wie ein Unwetter über sich ergehen läßt. Die Worte wie krasse Ignoranz gehörten zu den mildesten, die sie mir vorsetzte. Sollte ich ihr sagen, warum? ihr bekennen, in welchen Gedanken sie mich unterbrochen hatte? ihr den Grund jener mangelhaften Kenntnis eingestehen, die sie so richtig erraten hatte?

Welchen Kriegsbericht hatte ich zu Ende gelesen? Von welcher Phase des Krieges mir auch nur einigermaßen ein Bild gemacht? Über die erdrückende Tatsache, daß er herrschte und kein Friede kommen konnte, sah ich nicht hinaus. Für seinen Verlauf, seine Geschichte blieb mein Interesse ungefähr.

Was wollte die Frau bei mir?

Sie hatte mich aus der Arbeit gerissen, und ich war froh um die Unterbrechung gewesen; so mühselig war die Pein, daß ihr Stigma sich den Schläfen aufdrückt, und daß sie einsinken wie zermürbt. Oder gleicht eine geistige Not der immerwährenden Welle vielleicht und die Schläfen dem Stein, der von ihr zernagt und bearbeitet wird? Von den Dingen selbst ist mein Verständnis so karg! Der Kommentar zu ihnen ist meine Sparte: ihn stets von neuem, zergliederter, ausgreifender zu formulieren, ist der Stachel, der mir keine Ruhe läßt, meine Einzelhaft mitten im Leben. Denn über die Vielfältigkeit unserer Wege hin, sehe ich die Einfältigkeit der Gefahr; die ewig selbe Fratze, die jeder edlen Bestrebung wie eine verruchte Karikatur noch immer auf dem Fuße folgte. So schmal, schwankend und immerzu gefährdet zieht unser Weg empor! Aber naiver als ein Soldat, der mitten im Treffen nicht weiß, wo er steht, führte der Mensch bisher seinen Kampf. Auch ihn trafen die Geschosse, ohne daß er sah, aus welchem Hinterhalt sie stammten, und von der unheimlichen Geschäftigkeit, mit welcher in den Niederungen sein Verderben betrieben wurde, merkte er nur das Resultat. Unermüdlich und nahezu ungestört dürfen die Untermenschen, von Herrschsucht besessen, in der Familie, dem Staat, der Gemeinde, der Partei ihre zersetzende Arbeit verrichten. Aus Tausenden von Schlagwörtern sind ihre Netze gewoben, der ganze ungeheure Nationalitätenschwindel hält seit Jahrhunderten den Zusammenschluß der Vollwertigen auf. Notsignale zu geben, bin ich hier. Unvernommen? Gleichviel! Ohnmächtig wie im Traum hinauszurufen: Richtet Wälle auf! Seht euch vor! Achtet der Stufen! Schützt eure Häuser! Mit unschuldiger Miene, ja mit dem Antlitz eines Engels vielleicht, kauert das Unheil an euerm Herd. Oh Brüder, Freunde, nehmt es nicht in eure Arme, wie ihr den Fuß nicht auf die sanft beschneite Stelle setzt, ihr hättet sie zuvor geprüft.

„Ich glaube,“ schreibt René Schickele, „daß der Sozialismus kommen muß mit einer großen, tiefen Flut von Licht, die alle Menschen durchdringt.“

Und ich sehe, wie emsig die Schatten sich sammeln, welche danach dürsten, dies Licht zu verschlingen.