Der Förster schlug den bezeichneten Weg ein. Friedrich hatte die ganze Zeit hindurch seine Stellung nicht verlassen; halb liegend, den Arm um einen dürren Ast geschlungen, sah er dem Fortgehenden unverrückt nach, wie er durch den halbverwachsenen Steig glitt, mit den vorsichtigen weiten Schritten seines Metiers, so geräuschlos, wie ein Fuchs die Hühnerstiege erklimmt. Hier sank ein Zweig hinter ihm, dort einer; die Umrisse seiner Gestalt schwanden immer mehr. Da blitzte es noch einmal durchs Laub. Es war ein Stahlknopf seines Jagdrocks; nun war er fort. Friedrichs Gesicht hatte während dieses allmählichen Verschwindens den Ausdruck seiner Kälte verloren, und seine Züge schienen zuletzt unruhig bewegt. Gereute es ihn vielleicht, den Förster nicht um Verschweigung seiner Angaben gebeten zu haben? Er ging einige Schritte voran, blieb dann stehen. »Es ist zu spät«, sagte er vor sich hin und griff nach seinem Hute. Ein leises Picken im Gebüsche, nicht zwanzig Schritte von ihm. Es war der Förster, der den Flintenstein schärfte. Friedrich horchte. — »Nein!« sagte er dann mit entschlossenem Tone, raffte seine Siebensachen zusammen und trieb das Vieh eilfertig die Schlucht entlang.
Um Mittag saß Frau Margret am Herd und kochte Tee. — Friedrich war krank heimgekommen, er klagte über heftige Kopfschmerzen und hatte auf ihre besorgte Nachfrage erzählt, wie er sich schwer geärgert über den Förster, kurz, den ganzen eben beschriebenen Vorgang, mit Ausnahme einiger Kleinigkeiten, die er besser fand, für sich zu behalten. Margret sah schweigend und trübe in das siedende Wasser. Sie war es wohl gewohnt, ihren Sohn mitunter klagen zu hören, aber heute kam er ihr so angegriffen vor wie sonst nie. Sollte wohl eine Krankheit im Anzuge sein? Sie seufzte tief und ließ einen eben ergriffenen Holzblock fallen.
»Mutter!« rief Friedrich aus der Kammer. — »Was willst du?« — »War das ein Schuß?« — »Ach nein, ich weiß nicht, was du meinst.« — »Es pocht mir wohl nur so im Kopfe«, versetzte er. Die Nachbarin trat herein und erzählte mit leisem Flüstern irgendeine unbedeutende Klatscherei, die Margret ohne Teilnahme anhörte. Dann ging sie. —
»Mutter!« rief Friedrich. Margret ging zu ihm hinein. »Was erzählte die Hülsmeyer?« — »Ach gar nichts, Lügen, Wind!« — Friedrich richtete sich auf. — »Von der Gretchen Siemers; du weißt ja wohl die alte Geschichte; und ist doch nichts Wahres dran.« — Friedrich legte sich wieder hin. »Ich will sehen ob ich schlafen kann«, sagte er.
Margret saß am Herde; sie spann und dachte wenig Erfreuliches. Im Dorfe schlug es halb zwölf; die Türe klinkte, und der Gerichtsschreiber Kapp trat herein. —
»Guten Tag, Frau Mergel,« sagte er; »könnt Ihr mir einen Trunk Milch geben? ich komme von M.« — Als Frau Mergel das Verlangte brachte, fragte er: »Wo ist Friedrich?« Sie war gerade beschäftigt, einen Teller hervorzulangen, und überhörte die Frage. Er trank zögernd und in kurzen Absätzen. »Wißt Ihr wohl,« sagte er dann, »daß die Blaukittel in dieser Nacht wieder im Masterholze eine ganze Strecke so kahl gefegt haben wie meine Hand!« — »Ei, du frommer Gott!« versetzte sie gleichgültig. — »Die Schandbuben«, fuhr der Schreiber fort, »ruinieren alles; wenn sie noch Rücksicht nähmen auf das junge Holz, aber Eichenstämmchen wie mein Arm dick, wo nicht einmal eine Ruderstange drin steckt! Es ist, als ob ihnen andrer Leute Schaden ebenso lieb wäre wie ihr Profit!« — »Es ist schade!« sagte Margret. Der Amtsschreiber hatte getrunken und ging noch immer nicht. Er schien etwas auf dem Herzen zu haben. »Habt Ihr nichts von Brandis gehört?« fragte er plötzlich. — »Nichts; er kommt niemals hier ins Haus.« — »So wißt Ihr nicht, was ihm begegnet ist?« — »Was denn?« fragte Margret gespannt. — »Er ist tot!« — »Tot!« rief sie, »was, tot? Um Gottes willen! er ging ja noch heute morgen ganz gesund hier vorüber mit der Flinte auf dem Rücken!« — »Er ist tot,« wiederholte der Schreiber, sie scharf fixierend; »von den Blaukitteln erschlagen. Vor einer Viertelstunde wurde die Leiche ins Dorf gebracht.«
Margret schlug die Hände zusammen. — »Gott im Himmel, geh nicht mit ihm ins Gericht! er wußte nicht, was er tat!« — »Mit ihm!« rief der Amtsschreiber, »mit dem verfluchten Mörder, meint Ihr?« Aus der Kammer drang ein schweres Stöhnen. Margret eilte hin, und der Schreiber folgte ihr. Friedrich saß aufrecht im Bette, das Gesicht in die Hände gedrückt, und ächzte wie ein Sterbender. — »Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter. — »Wie ist dir?« wiederholte der Amtsschreiber. — »O mein Leib, mein Kopf!« jammerte er. — »Was fehlt ihm?« — »Ach, Gott weiß es,« versetzte sie, »er ist schon um vier mit den Kühen heimgekommen, weil ihm so übel war. — Friedrich, Friedrich, antworte doch, soll ich zum Doktor?« — »Nein, nein,« ächzte er, »es ist nur Kolik, es wird schon besser.«
Er legte sich zurück, sein Gesicht zuckte krampfhaft vor Schmerz; dann kehrte die Farbe wieder. — »Geht,« sagte er matt; »ich muß schlafen, dann gehts vorüber.« —
»Frau Mergel,« sagte der Amtsschreiber ernst, »ist es gewiß, daß Friedrich um vier zu Hause kam und nicht wieder fortging?« — Sie sah ihn starr an. — »Fragt jedes Kind auf der Straße. Und fortgehen? — wollte Gott, er könnt es!« — »Hat er Euch nichts von Brandis erzählt?« — »In Gottes Namen, ja, daß er ihn im Walde geschimpft und unsere Armut vorgeworfen hat, der Lump! — Doch Gott verzeih mir, er ist tot! — Geht!« fuhr sie heftig fort; »seid Ihr gekommen, um ehrliche Leute zu beschimpfen? Geht!« — Sie wandte sich wieder zu ihrem Sohne; der Schreiber ging. — »Friedrich, wie ist dir?« sagte die Mutter; »hast du wohl gehört? schrecklich, schrecklich! ohne Beichte und Absolution!« —