»Nun leb wohl, du kleine Gasse.«
Es bleibt nur noch übrig, einige kleine Winke zu geben in der Richtung des besten Nahrungsmaterials. In dieser Beziehung werden mit der besten Absicht unendlich viel Torheiten begangen, genau so wie in der Richtung des Zuwenig oder Zuviel. Vor allem gilt eines, was zu wenig beachtet wird! Der Magen ist in Angelegenheiten des Essens und Trinkens immer viel klüger als das Gehirn, und alles unmittelbare Empfinden, das sich leise und in nachdrücklicher Stille geltend macht, trifft immer viel besser das Rechte als alle aus Büchern gelernten Theorien. Diese verwirren nur im gegebenen Fall, wo der Wanderer sich nicht klar ist, was und wieviel er jetzt gerade essen oder trinken soll. Da fängt die Hypochondrie an, die man sich doch wegwandern will. Die Selbsterziehung beim Wandern kommt also gar nicht auf dem üblichen Wege durchs Gehirn und durch Vielwisserei, sondern sie muß sich darauf erstrecken, daß wir wieder Ohren bekommen – innerliche natürlich und nicht zu lange – Ohren für das feine Mahnen und Klopfen unseres Organismus und seiner einzelnen wichtigen Zentralen. Diese Art des Gehorsams hat nichts zu tun mit äußeren Vorschriften. Denn jeder Organismus ist etwas ganz Besonderes. Erst durch diesen freiwilligen Gehorsam – nicht unseren groben Instinkten, sondern unseren feinsten Empfindungen gegenüber – kommen wir zu einer unvermutet großen Freiheit des Körpers. Denn so wie alles Überschätzen des Körperlichen vom Übel ist, ebenso rächt sich alles Unterschätzen des von uns noch lange nicht mit allen seinen Wundern genügend erkannten Zellenbaus unseres Körpers. Zu einer allgemeiner verbreiteten und höheren Art von Kultur und Leben können wir aber in unserer Zeitenwende nur dadurch kommen, daß die den Zellenbau ihres Organismus bewußt beherrschenden Menschen zu gesunden Bauzellen eines höherstehenden gesellschaftlichen Organismus werden. Womit, nebenbei gesagt, die Zusammenhänge zwischen dem Wandern und den großen Kulturproblemen unserer Zeit genügend aufgedeckt sein dürfte.
Wer besondere Versuche mit vollwertigem Ernährungsmaterial machen will, der sei in erster Reihe auf frische Nüsse, Früchte, sodann Brot allererster Qualität (worüber im Anhang ein Rezept) und schließlich, wo frisches Obst und Früchte oder Nüsse nicht zu haben sind, auf die hervorragenden Nuß-, Honig- und ähnliche Präparate der Hamburger Nuxowerke verwiesen. Zu beachten wäre dabei immer, daß die leichteren und weniger nahrhaften dieser Präparate den kräftigeren und nicht immer kräftigenderen beim Wandern vorzuziehen sind. Den kaum ausbleibenden Vorwurf geschäftlicher Reklame für diesen Artikel auf dem Gebiet der Ernährungshygiene für den Wanderer werde ich mit gänzlicher Gelassenheit ertragen. Mit alledem soll aber nicht im geringsten einer einseitigen vegetarischen Ernährung mit ihren außerordentlichen Gefahren das Wort geredet werden. Wer daher dem natürlich empfundenen und nicht mehr zurückzudrängenden Bedürfnis nach einem soliden Filet aux Champignons am Abend eines festen Marsches nachgibt und sich dabei eine halbe (für starke Männer eine ganze) Flasche Rebenbluts zu Gemüte führt, der kann eines herzlichen »Prosit!« und »Wohl bekomm's!« meinerseits sicher sein.
Vom Knipsen.
Die Sprache ist eine Verräterin. Durch alle möglichen Klangfarben; in den Worten deutet sie an, um was es sich in Wirklichkeit handelt. Wer nicht das Diebische, das Leichtfertige, Elsternhafte aus dem Wörtchen »Knipsen« heraushört, der weiß noch nichts von der verborgenen Musik der Worte, die hier doch ganz klar im Ton an »Stibitzen« erinnert. Die kleinen Detektivapparate, die seit einem Jahrzehnt etwa den roten Baedeker aus der Hand der »Vergnügungsreisenden« verdrängt haben, sind nichts anderes als kluge Behälter für die kleinen raschen Diebstähle draußen in der Natur. Die moderne Technik macht uns alles so bequem. Wer hat es nicht schon erlebt, das Bild: Auf dem Dampferverdeck eines der herrlichsten Seen Deutschlands stehen allerhand Reisende, Damen und Herren. Auf einmal taucht ein altes Schloß aus den Fluten auf. Ein allgemeines »Ah!« So drückt sich die rasche Begeisterung aus. Dann wird's auf einmal still. Wie auf Kommando werden Kodaks und andere Kameras hochgehoben und ein lautloses Pelotonfeuer auf das arme Schloß gerichtet. Ein paar knipsende Geräusche, wie wenn man einen Fingernagel am anderen wetzt, zucken durch die feierliche Stille. Dann beginnt wieder die Unterhaltung in allen Weltsprachen, und der nächste Film wird aufgedreht.
Der Seggenstein im Hessenlande.
Ich will die Kunst des Photographierens gewiß nicht herabsetzen und den ungeheuren Fortschritt auf diesem Gebiet bestreiten. Die Illustrationen dieses Buches würden mich teilweise selber Lügen strafen. Aber das Photographieren als Massenbetrieb ist eine grauenhafte Sache geworden. Denn nicht nur kann man nichts getrost nach Hause tragen, wenn man's nur schwarz auf weiß besitzt, sondern was das Licht auf die photographische Platte im Bruchteil einer Sekunde zaubert, ist lange nicht das, was wir in der Kamera unserer Augen, der das photographische Spielzeug ja nur nachgebildet ist, sammeln könnten.
Tafel VI