Das sind Worte des jungen Goethe. Wenn man mit unserer Unfähigkeit, die ja auch die seine war, rechnet, Unaussprechliches auszusprechen, so wird man die theoretische Gleichsetzung von natura mit deus bei dem jungen Spinozisten verstehen. Aber in unserer Zeit hat sich neben einer tiefen Erfassung des von Goethe gelebten Lebens eine Goethelithurgie entwickelt, die sich nur durch einen unfreiwillig zugegebenen Mangel an weiteren und höheren Zielen bei den Anhängern dieses neuesten heidnischen Kirchleins erklären läßt. Da ist es in den Tagen, wo jeder zweite gebildete Deutsche die wie allzuguter Wein etwas ölig gewordene Weisheit des alten Olympiers schlürft wie ein Lebenselixier, vielleicht am Platz, an der bescheidenen Zauntüre, die aus den auch nur gedachten und erträumten Weiden des vorliegenden Wanderbuches herausführt, einen Trank aus dem tosenden, klaren Quell zu kredenzen, aus dem Goethe in den Jahren geschöpft hat, wo ihn die abgeklärte, aber doch schon durch den Abendstaub des müden Wanderers behaftete Weisheit noch nicht zierte; jene Altersreife, durch deren Genuß man zwar schön kristallinisch, aber doch eben als Goethephilister versteinert. Auch gar nicht philiströs veranlagte Männer unserer Zeit sind bis zu einem Grade erkrankt an diesem modernen Goethekultus, daß sie – faute de mieux – Goethe zum alleinseligmachenden Propheten des neuen Deutschland erhoben.
Goethe war 31 Jahre alt, als er obige, einem Aphorismenkranz entnommenen Sätze schrieb, die sich in ihrer abgrundtiefen Klarheit und in der Fülle ihrer Antithesen ganz mit dem aufreizenden Reichtum der Natur an Widersprüchen decken. Vielleicht ist das vorliegende kleine Buch für manchen, der auch mit dem Herzen wandert, eine Hilfe, um sich aus der Zerklüftung der Welt, wie wir sie sehen, in die Einheit dessen, was dahinter liegt, zu retten. Nicht allein mit dem Verstand, der zwar ein gutes Handwerkszeug, aber kein guter Führer ist; nicht nur mit dem aufmerksamen Ohr des fleißigen Schülers, dem bekanntlich im Faust so dumm wurde, als ginge ihm ein Mühlrad im Kopfe herum; sondern mit den schauenden Augen, die des Leibes Licht sind. Und dazu mit jener sanften Unerschrockenheit der Seele, die nichts zu fürchten hat, weil sie nach des jungen Goethe prophetischen Worten die einzige Möglichkeit ist, uns der Natur zu nähern: Die bewegte Stille der Liebe.
Phot. J. Hartmann.
Im Riesengebirge.
KOSMOS
Gesellschaft der Naturfreunde