Der Regimentsmedikus
Zwei Stunden von Stuttgart entfernt liegt das Lustschloß Solitüde, ein Prachtbau, den ein französischer Baumeister in dem damals beliebten Rokokostil aufgeführt hatte. Es bildet ein Oval mit zwei zu beiden Seiten sich anschließenden Pavillons und ist umfriedet von einem Arkadenbau, auf dem eine breite Galerie ruht, zu welcher zwei geschweifte Freitreppen führen. Hier war Schillers Vater unter dem Titel eines Intendanten Inspektor der groß angelegten Gärten und wohnte in einem der Gebäude, die hinter dem Schlosse gelegen waren (dem heutigen Revieramte).
Hier saß am Weihnachtstage des Jahres 1780 der junge Regimentsmedikus, der in seiner neuen Uniform sich seinen Eltern und Geschwistern vorstellte. Diese war nichts weniger als kleidsam, sondern geradezu steif und abgeschmackt. Sie war ungemein eng, so daß sie die Figur überall zusammenpreßte, nur die Beine schienen unnatürlich geschwollen und waren durch den Filz, welcher den weißen Gamaschen untergelegt war, anzusehen wie zwei Zylinder, die einen größeren Durchmesser hatten als die Schenkel. Dazu kam der in eine Roßhaarbinde eingezwängte lange Hals und endlich die widerwärtige Frisur mit dem dicken, langen falschen Zopfe, der auf dem Rücken baumelte, und mit den drei starren vergipsten Rollen, die auf jeder Seite des Gesichts hingen. Seine beiden älteren Schwestern, Christophine und Luise, sahen ihn fast verwundert und verdutzt an, bis die letztere geradezu in helles Lachen ausbrach, und die jüngste, die dreijährige Nanette, kam herbei und hing sich an die Schöße seines Fracks und lachte, weil Luise lachte.
Auch die Mutter betrachtete den Sohn von allen Seiten, ernst und mit leisem Kopfschütteln, nur der Vater fand sich mit militärischer Bestimmtheit in die Sachlage.
»Uniform ist Uniform, und die Hauptsache bleibt, daß man seines Fürsten Rock mit Ehren trägt, mag er aussehen, wie er will. Und damit basta! – Nun mach' dir's bequem in deinem Elternhause, Fritz; ich habe mich gefreut an deinen Zeugnissen und verhoffe, daß Serenissimus bald einen besseren Posten für dich finden werde. Ich aber will Höchstdemselben meinen submissesten Dank schriftlich abstatten. Auf Wiedersehen!«
Damit war der brave Mann in das Nebengemach gegangen an seinen Schreibtisch, und Schiller war mit den weiblichen Gliedern seiner Familie zurückgeblieben. Die Mutter drückte ihn jetzt mit sanfter Gewalt in den Lehnstuhl am Fenster, und während Nanette mit ihrer Puppe zu seinen Füßen spielte, saßen die beiden Schwestern neben ihm. Ihn erfüllte ein Gefühl des Behagens, wie er es lange nicht empfunden: Er war daheim! Im Ofen prasselte vergnüglich das Feuer, und draußen lag der Sonnenglanz auf der beschneiten Erde. Die Kuppel des Schlosses, das sich etwa sechshundert Schritt entfernt erhob, glänzte mit der Figur, die darauf sich zeigte. Der Garten in seinem winterlichen Schmucke hatte auch seine eigenartige Schönheit, und die Kolossalstatuen unter den entlaubten Bäumen sahen wunderlich genug drein. Von fern her zeigten sich verdämmernd einige Höhenketten, die zum Elsaß bereits gehörten. So saß er, und dabei hielt die Mutter seine Hände und schaute ihm in die Augen, und der liebevolle Mund redete freundliche Worte: »Du mußt eben haushalten lernen, Fritz; der Mensch braucht nicht viel, wenn er genügsam ist, das haben dein Vater und ich am besten erfahren, und du bist noch jung und hast eine Zukunft vor dir. Vater hat auch schon daran gedacht, Durchlaucht zu bitten, daß er dir erlaube, eine Privatpraxis als Arzt auszuüben und Zivilkleider zu tragen, – ja, er hat dir heimlich schon einen Anzug in Stuttgart bestellt!«
»Das wäre freilich etwas wert; denn diese steife Uniform drückt mich nicht bloß auf dem Leibe, sie spannt mir auch die Seele ein. Und daß ich, nachdem ich die Akademie mit so gutem Erfolg verlassen und immer meine Pflicht getan habe, nicht einmal den Offiziersrang besitze, ist eigentlich eine Kränkung.«
Die Schwestern stimmten dem zu; aber die Mutter beruhigte: »Vater ist auch Feldscher gewesen und hat's zum Offizier gebracht.«
»Na, mag's sein, – ich hab' auch noch etwas, worauf ich vertraue!« sagte Schiller beinahe geheimnisvoll, und die drei andern rückten näher herbei und sahen ihn fragend an. »Ich hab' eine Komödie geschrieben –«
»Eine Komödie?« klang es wie aus einem Munde, und besonders Christophine erkundigte sich lebhaft nach Titel und Inhalt.