»Kann sie dadurch nicht auch treue Kinder verlieren?«
Das Wort war dem Mädchen beinahe unbewußt entschlüpft, und die Mutter schaute erschrocken, der junge Priester erstaunt darein; er erwiderte:
»Treue Kinder gewiß nicht, denn der Gutgesinnte unterstützt sie in ihren Bestrebungen und hilft ihre Satzungen ehren. Ich hoffe, daß dem bei dem Begräbnis der Frau Freidank auch hier wird Ausdruck gegeben werden. Ein guter Katholik hält sich davon fern, weil es ihm nicht zukommt, ja sogar strafbar ist, an einem kirchlichen Akte einer ketzerischen Genossenschaft teilzunehmen.«
Ein tiefes Schweigen folgte diesen Worten; man hörte das Ticken der Uhr und das Summen einer Fliege am Fenster, dann klang die Stimme des Mädchens, so seltsam fremd und klar:
»Ich werde meine Freundin zu Grabe begleiten!«
»Marie!« rief warnend und drohend der Priester; aber diese fuhr mutvoller fort:
»Ich würde es mir als Sünde rechnen, wenn ich's nicht thäte, als Sünde an der armen Grethe, die doch nicht dafür kann, wenn sie als Evangelische geboren worden ist und von ihrem Glauben überzeugt war, und als Sünde an Freidank, der mehr Trost braucht als hundert andere. Und wenn ich eine Sünde damit thue, die wird mir Gott verzeihen, der barmherziger ist, wie mancher seiner Diener.«
Das aufgeregte Mädchen verließ das Gemach, und Mutter und Sohn sahen sich befremdend und fragend an.
In der Gasse aber ging Vetter Martin neben dem Uhrmacher hin; er sprach:
»Lassen Sie sich's nicht anfechten – 's ist zuletzt ganz gleich, wo der Mensch begraben liegt, wenn ihm nur die Liebe nachfolgt. 's ist mancher hinter'm Zaun verscharrt worden, der hundertmal besser war als ein anderer, dem sie die ausgemauerte Gruft mit Weihwasser überschwemmt und ein Marmordenkmal darauf gestellt haben. Zuletzt begraben wir das, was wir an unsern Toten geliebt haben, doch nicht in der Erde, sondern in unseren Herzen, und ob der Leib ihres guten Weibes sich in der Mitte oder am Ende des Friedhofs in seine Atome auflöst, das macht doch wahrlich in der Sache keinen Unterschied, so lange ihr Bild und ihr Gedächtnis bei Ihnen und Ihrem Kinde fortlebt. Das ist die Ansicht eines alten Weltwanderers, der's gut mit Ihnen meint. Und nun wenden Sie sich an den Pastor der evangelischen Gemeinde in Burgdorf – so hieß ein kleiner Ort in der Nähe, wo eine Zahl von Protestanten vereint wohnte – daß er zum Begräbnis ihres Weibes komme, und Sie sollen sehen, daß ihr die letzten Ehren nicht ganz fehlen werden.«