Der Sprecher sah so kräftig, stattlich und männlich fest aus, und der Ton, in welchem er sprach, war so bestimmt, daß Bastian unwillkürlich zwei Schritte zurückwich und nichts zu erwidern wagte. Konrad war seines Weges weiter gegangen und hatte sich gar nicht um ihn gekümmert, und Bastian sah nun, wie Zander dem Freunde nacheilte, seinen Arm in dessen Arm schob, und wie die beiden so verschlungen ihres Weges weiter gingen. Finster, ernüchtert, ärgerlich schritt er ihnen nach.
Die Ungeduld der Lützower wuchs; das Müßigliegen paßte den wenigsten, dem Führer selbst wahrlich auch nicht, aber mit der Ausrüstung des Korps wollte es nicht recht von statten gehen, und die Bewaffnung besonders ließ viel zu wünschen übrig. Das Fußvolk hatte die verschiedenartigsten Gewehre, mitunter recht wenig brauchbare Waffen mit Steinschloß und konischem Zündloch, die bei Regenwetter kaum verwendbar waren und eine sehr geringe Treffsicherheit hatten. Viele hatten überhaupt kein Gewehr, sondern eine Pike wie die Ulanen. Die Säbel waren gleichfalls mangelhaft und vielfach von Grobschmieden in aller Eile hergestellt. Auch das Sattelzeug für die Pferde, das meist von den Reiterregimentern als weniger brauchbar zurückgesetzt worden war, ließ viel zu wünschen: die ungarischen Böcke waren fast lauter Ausschuß, und die Decken waren elend und hart, so daß die Tiere leicht gedrückt und wund gerieben wurden.
Aber der Geist im Korps war ein ausgezeichneter, und alle Herzen schlugen in heißer Erwartung dem Ausmarsch entgegen. Da kam eines Morgens, da man nach gewohnter Weise beim Exerzieren war, Körner dahergesprengt, und wie er an die Ersten heranritt, rief er ihnen zu: »Hurra, es geht los! In den nächsten Tagen geht es gegen den Feind!«
Wie ein Lauffeuer ging das Wort weiter. Die einzelnen Abteilungen, die eben noch unter Zucht und Disciplin standen, lösten sich auf, Offiziere und Gemeine liefen durcheinander und drängten zu Körner heran, der aber verkündete es laut:
»Ich hab's vom Major selbst. Die Franzosen haben Dresden besetzt und schieben ihre Vorposten gegen Bautzen. Wir haben vom General Scharnhorst die Weisung, aufzubrechen ins Sachsenland! Hurra!«
Und jauchzend erklang der Kriegsruf aufs neue über das Feld.
Noch an demselben Tage erhielt das Korps von Lützow den Befehl, am nächsten Morgen in Paradeausrüstung sich in Zobten aufzustellen zur feierlichen, kirchlichen Einsegnung. Und so geschah es.
Es war an einem Sonnabend. Der Tag war freundlich und die Herzen gehoben. Das kleine Städtchen Zobten aber hatte wohl noch niemals eine solche Erregung gesehen. Die ganze Bevölkerung war zusammengeströmt auf dem freien Felde, wo die Lützower sich heute festlich scharten. Da standen sie stramm in Reih und Glied: Das Musketier-Bataillon mit dem Hauptmann von Helmenstreit an der Spitze, daran gereiht die 4 Kompagnien Fußvolk unter den Lieutenants von Heyligenstädt, von der Heyde, Staak und von Dittmar, und die freiwilligen Jäger zu Fuß unter dem Lieutenant Müller. Am rechten Flügel aber war die Kavallerie aufgeritten unter dem Rittmeister von Bornstaedt, und die Husaren und Ulanen mit ihren schmucken Dolmans, sowie die reitenden Jäger machten einen trefflichen Eindruck.
Jetzt kam der Major Lützow mit einigen Offizieren herangesprengt. Wie aus Erz gegossen saß er im Sattel, das Musterbild eines Reiters, und die ganze Gestalt atmete Kraft und Kühnheit. Unter seinem Reitertschako quoll das blonde Haar in Löckchen hervor, der blonde, keck gedrehte Schnurrbart und die blitzenden, blauen Augen gaben dem frischen, männlichen Gesichte einen ungemein kühnen Ausdruck, und der schwarze Pelz, den er, über der Schulter hängend, über dem verschnürten Waffenrocke trug, kleidete ihn außerordentlich vorteilhaft. Sein ganzes Wesen trug das Gepräge der Lebendigkeit und Thatkraft, zugleich aber auch der soldatischen Treuherzigkeit und Biederkeit, und es war begreiflich, daß seine Leute mit warmer Hingabe an ihm hingen.
Vor der Front der Truppen parierte er kurz sein Pferd, senkte den Säbel zum Gruße, und dann schallte sein Kommando kurz, kraftvoll und fest, und die kleine Armee setzte sich in Bewegung. Die Bevölkerung von Zobten gab ihr das Geleite hinüber nach Rogau, in dessen Kirchlein die Einsegnung stattfinden sollte, weil Zobten kein evangelisches Gotteshaus besaß und die weitaus meisten der Freiwilligen dem protestantischen Bekenntnis angehörten.