Zehntes Kapitel. In Frankreich und wieder daheim
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Erstes Kapitel.
Im deutschen Walde.

Der Märzabend dämmerte allgemach herein. Er war mild und freundlich, spannte einen blauen Himmel über die Erde und ließ einen linden Frühlingshauch über sie hinwehen, der seltsam beinahe in Widerspruch stand mit den kahlen Ästen und Zweigen an Baum und Strauch, und mit dem fahlen Grün auf Wiese und Anger. Die Welt lag tiefstille wie in müdem Schweigen, aus der frischen Ackerfurche nur war eine Lerche emporgestiegen und zitterte wie ein schwarzes Pünktchen hoch auf dem blauen Grunde, und durch die Stille klang ihr jauchzendes Lied.

Der junge Bursche, der die Straße daherkam, die aus dem Sachsenlande ihn nach Schlesien geführt hatte, blieb stehen, hob den Blick empor, und die Hände auf seinen derben Wanderstock gestemmt, lauschte er. Ein helles Lächeln lief wie ein Sonnenschimmer über sein hübsches Gesicht bei dem Gesang des kleinen Vogels, und er murmelte:

»Das kündet den Frühling und die Auferstehung für deutsches Land und deutsches Volk; sei uns zum guten Zeichen, Bote des Lenzes!«

Lauter schmetterte das Lied der Lerche, der Wanderer nickte einigemale wie fröhlich zustimmend, dann schritt er rüstig weiter gegen Sonnenaufgang. Es war ein prächtiger Bursche mit dunklen Locken um das frische Gesicht, mittelgroß und kräftig, und seine braunen Augen sahen frei und groß in die Welt. Er trug ein dunkles Sammetwams und eine Art Barett von gleichem Stoffe, und auf dem Rücken ein Ränzel, über welches er den zusammengeschlagenen Mantel gelegt hatte. So konnte man ihm den fahrenden Studenten ohne weiteres ansehen. Er mochte heute schon ein gut Stück Weges zurückgelegt haben, denn manchmal blieb er stehen wie zu kurzer Rast, reckte und streckte sich, und dann schritt er wieder fürbaß und pfiff, den müden Beinen zu neuer Ermunterung, sich ein Marschlied oder eine Burschenweise vor.

Aber dichter senkten sich die Schleier des Abends, und vergeblich hatte er bereits wiederholt nach einer menschlichen Niederlassung ausgeschaut, doch er konnte keinen Flecken, kein Dorf, ja nicht einmal ein einzelnes Haus sehen, und so wanderte er weiter. Nun führte die Straße durch einen Wald. Dämmerig still war's um ihn her, die ganze Natur schien allgemach in Schlummer zu sinken, und wenn der Bursche mit seinem Pfeifen innehielt, vermeinte er seinen eigenen Herzschlag zu hören.

Aber Furcht war ihm ferne, und seine Seele war voll großer Gedanken. Man schrieb das Jahr 1813, das so bedeutsam für das deutsche Volk werden sollte. Fern im Osten, in Moskau, war das Strafgericht über den Mann des Jahrhunderts, Napoleon, hereingebrochen, in den Schneefeldern Rußlands war sein Heer vernichtet worden, und die geknechteten Stämme Deutschlands regten sich, um den Fuß des verhaßten Korsen von ihrem Nacken abzuschütteln. In Ostpreußen hatte die Bewegung angefangen und war mit Riesenschritten weiter gewandert, und das ganze zertretene Preußenland, seinen König an der Spitze, hatte sich erhoben zu einem letzten heiligen Streite gegen den dämonischen Franzosenkaiser. Am 17. März hatte der König den Aufruf an sein Volk erlassen, und dieser hatte eine ungeahnte Wirkung.

Von allen Seiten strömte es heran zu den Fahnen; Jung und Alt, Arm und Reich, die Männer des Handwerks und der Wissenschaft – Alle kamen, ihr Herzblut anzubieten für die heilige Sache des Vaterlands. Die Hörsäle der Hochschulen entleerten sich – Schande wär' es gewesen, wenn einer mit gesundem Leibe und kräftigen Gliedern zurückgeblieben wäre. Auch unser Wanderer war mit zahlreichen andern Genossen von Halle aufgebrochen, aber während diese ihr Ziel, Breslau, wohl bereits erreicht hatten, hatte er noch einmal Einkehr gehalten in dem schlichten Thüringer Pfarrhause, in welchem seine Wiege gestanden hatte, um seine schwerkranke Mutter noch einmal zu sehen, die er vielleicht nie wieder sah.

Als die Todkranke von seinem Entschlusse hörte, für's Vaterland in den heiligen Krieg zu gehen, hatten ihre Augen aufgeleuchtet in einem wundersamen Scheine. Ja, sie war eine von jenen deutschen Heldenmüttern, die damals nicht selten waren, die ihr Einziges und Liebstes hingaben auf den Altar des Vaterlandes, und da er von ihr ging, hatte sie segnend ihm die heißen, hagern Hände auf das lockige Haupt gelegt, thränenlos aber schweigend, und dem Jüngling war es, als müsse er jener Spartanerin denken, die ihrem Sohne, der zur Schlacht zog, nur das eine sagte: »Komme zurück mit deinem Schilde oder auf deinem Schilde!«