»So wißt Ihr nichts von dem Zorngericht Gottes, das in Rußland über Napoleon hereingebrochen ist?«

»Freilich wissen wir's, daß die Russen ihre eigene Hauptstadt angebrannt haben und daß hunderttausend Franzosen in Schnee und Eis erstarrt sind, und daß unser braver General York auf eigene Faust sich von den Wälschen losgesagt hat, aber was nützt das alles? – Der York wird seinen Kopf zu Markte tragen, denn unser guter König hat selber das Vertrauen verloren auf sein Volk und auf sein Heer, seit er die Erfahrungen von 1806 und 1807 hat machen müssen …«

»Halt, halt – so liegen die Dinge nicht mehr. Wir wissen's im Thüringer Land, und Ihr hier in Schlesien wisset nichts? Hat denn keiner in Eure Wälder die Botschaft hereingetragen, daß der König in Breslau ist mit Scharnhorst und Stein, und daß es sich dort um ihn drängt von seinen begeisterten Landeskindern, die von allen Seiten herbeiströmen, um ihm ihr Blut und Leben anzubieten für die heilige Sache der Freiheit und des Vaterlands? – Hat Euch denn keiner erzählt, wie dem hohen Herrn die Thränen über die Wangen gerollt sind bei dem Zujauchzen seines Volkes, und wie neue Zuversicht ihm in's Herz kam, so daß er bereits den Krieg an Frankreich erklärt hat? – Und wißt Ihr denn nicht von dem «Aufruf an mein Volk»?«

Der Jüngling hatte rasch aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes Blatt hervorgeholt und breitete es vor dem Förster aus, und während sein Finger über die Zeilen flog, las er hastig, ganze Sätze überspringend und nur das Bedeutsamste hervorhebend aus dem wichtigen Schriftwerke:

»Der Friede, der die Hälfte meiner Unterthanen mir entriß, gab uns seine Segnungen nicht, denn er schlug uns tiefere Wunden als der Krieg selbst. Das Mark des Landes ward ausgesogen … Der Ackerbau ward gelähmt, sowie der sonst so hoch gebrachte Kunstfleiß unserer Städte … Das Land wurde ein Raub der Verarmung … Meine reinsten Absichten wurden durch Übermut und Treulosigkeit vereitelt, und nur zu deutlich sahen wir, daß des Kaisers Verträge mehr noch als seine Kriege uns verderben mußten. Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo alle Täuschung über unsern Zustand aufhört. – Brandenburger, Preußen, Schlesier, Pommern, Litauer! Ihr wißt, was ihr seit fast sieben Jahren erduldet habt; ihr wißt, was euer trauriges Loos ist, wenn wir den beginnenden Kampf nicht ehrenvoll enden … Selbst kleinere Völker sind für gleiche Güter gegen mächtigere Feinde in den Kampf gegangen und haben den Sieg errungen … Große Opfer werden von allen Ständen gefordert werden, denn unser Beginnen ist groß und nicht gering die Zahl und Mittel unserer Feinde … Aber welche Opfer auch von den einzelnen gefordert werden mögen, sie wiegen die heiligen Güter nicht auf, für die wir streiten und siegen müssen, wenn wir nicht aufhören wollen, Preußen und Deutsche zu sein. Es ist der letzte entscheidende Kampf, den wir bestehen für unser Dasein, unsere Unabhängigkeit, unsern Wohlstand: keinen Ausweg giebt es, als einen ehrenvollen Frieden oder einen ruhmvollen Untergang. Auch diesem würdet ihr getrost entgegengehen um der Ehre willen, weil ehrlos der Preuße und der Deutsche nicht zu leben vermag. Allein wir dürfen mit Zuversicht vertrauen, Gott und unser fester Wille werden unserer gerechten Sache den Sieg verleihen, mit ihm einen sichern glorreichen Frieden und die Wiederkehr einer glücklicheren Zeit.«

Das gebräunte Gesicht des Försters war während des Zuhörens um einen Schein bleicher geworden, und die ehrlichen grauen Augen leuchteten; seine Hände lagen geballt zu Fäusten auf der Tischplatte, aber plötzlich langten sie nach dem Papier – er mußte es mit eigenen Augen sehen, daß es so dastand! Und es war kein Zweifel, und der Name seines Königs stand darunter!

»Und was geschieht jetzt?« fragte er erregt.

»Was jetzt geschieht? – Ich heiße Konrad Schmidt und bin ein Pastorssohn aus Thüringen, nicht einmal ein preußisch' Landeskind, aber das Wort des Preußenkönigs gilt für alles deutsche Volk. In Halle hab' ich Theologie studiert, aber was soll jetzt die Gottesgelahrtheit nützen? – Heraus aus den Hörsälen, hinein in die Kriegsgewitter. – Das thut not und das denken Tausende. In Breslau schart es sich zusammen um begeisterte Führer, dahin geh' ich zu dem Major von Lützow, der ein Freikorps wirbt von Jägern zu Fuß und Roß … das ist mein Mann. Ein junger Dichter, ein Dresdener Kind, Theodor Körner, hat sein Amt und seine Braut in Wien verlassen, und ist gekommen mit seinem Herzblut und seinem Liede, und er hat's noch einmal hineingerufen in die Herzen, was der König von Preußen spricht!«

Und Konrad Schmidt erhob sich plötzlich und begann mit von wärmster Begeisterung getragener Stimme und mit leuchtenden Augen zu deklamieren:

Frisch auf, mein Volk, die Flammenzeichen rauchen,