»Sie Herrliche!« stammelt der Schriftsteller, ihr die Hand in der Nähe des Armbandes küssend. »Nicht Sie küsse ich, Sie wunderbares Geschöpf, sondern das menschliche Leid! Erinnern Sie sich an Raskolnikow? Er küßte so.«
»Oh, Woldemar! Ich lechzte nach Ruhm … nach rauschendem Leben und Glanz wie jede – warum soll ich bescheiden sein? – wie jede nicht ganz gewöhnliche Natur. Ich lechze nach Ungewöhnlichem … gar nicht Weiblichem! Und … Und … ich stieß auf meinem Wege auf einen reichen alten General … Begreifen Sie mich doch, Woldemar! Es war ja Selbstaufopferung, Entsagung, begreifen Sie mich! Ich konnte nicht anders. Ich versorgte meine Angehörigen, ich machte Reisen, ich tat Gutes … Wie litt ich aber dabei, wie unerträglich und erniedrigend gemein erschienen mir die Umarmungen jenes Generals, obwohl er, das muß man ihm lassen, seinerzeit im Kriege große Tapferkeit gezeigt hat. Es gab Minuten … schreckliche Minuten! Mich hielt aber der Gedanke aufrecht, daß der Alte heute oder morgen stirbt, daß ich dann nach meinem Wunsche leben, mich einem geliebten Menschen hingeben und glücklich sein werde … Ich habe aber einen solchen Menschen, Woldemar! Gott weiß es, daß ich einen solchen habe!«
Das Dämchen schwingt energisch den Fächer. Ihr Gesicht nimmt einen weinerlichen Ausdruck an.
»Nun ist der Alte tot … Er hat mir einiges Vermögen hinterlassen, ich bin so frei wie ein Vogel. Nun kann ich glücklich werden … Nicht wahr, Woldemar? Das Glück klopft an meine Tür. Ich brauche es nur hereinlassen, aber … nein! Woldemar, hören Sie, ich beschwöre Sie! Jetzt sollte ich mich doch dem geliebten Menschen hingeben, seine Freundin werden, seine Helferin, die Trägerin seiner Ideale, glücklich sein … ausruhen … Aber wie gemein, häßlich und dumm ist doch alles in dieser Welt! So niederträchtig ist alles, Woldemar! Ich bin unglücklich, unglücklich, unglücklich! Auf meinem Wege erhebt sich ein neues Hindernis! Wieder fühle ich, daß mein Glück fern, ach, so fern ist! Ach, diese Qual, wenn Sie nur wüßten, welch eine Qual!«
»Was ist es denn? Was ist es für ein Hindernis? Ich beschwöre Sie, sagen Sie es mir! Was ist es?«
»Ein anderer reicher Alter …«
Der zerbrochene Fächer verdeckt das hübsche Gesicht. Der Schriftsteller stützt seinen gedankenschweren Kopf in die Hand, seufzt und beginnt mit der Miene eines Kenners und Psychologen zu grübeln. Die Lokomotive pfeift und faucht, die Fenstervorhänge röten sich im Lichte der untergehenden Sonne …