Ein andermal (es war etwas früher) teilte ich ihm mit, daß Professor Perow gestorben sei. Der gute Peter Ignatjewitsch fragte:

»Worüber hat er denn gelesen?«

Und wenn dicht vor seinen Ohren die Patti zu singen anfinge, wenn Chinesenhorden über Rußland herfielen, wenn ein Erdbeben stattfände, so würde er vermutlich kein Glied rühren und seelenruhig mit zusammengekniffenem Auge in sein Mikroskop hineinsehen. Mit einem Worte: was kümmert ihn Hekuba? Ich würde viel darum geben, einmal zu sehen, wie dieser trockene Stock bei seiner Frau schläft.

Ein zweiter Charakterzug eines solchen Menschen ist: ein fanatischer Glaube an die Unfehlbarkeit der Wissenschaft und namentlich alles dessen, was die Deutschen schreiben. Er hat ein festes Vertrauen zu sich selbst und zu seinen Präparaten, kennt nach seiner Überzeugung den Zweck des Menschenlebens und weiß absolut nichts von jenen Zweifeln und Enttäuschungen, von denen talentvolle Männer graue Haare bekommen. Er hegt einen sklavischen Respekt vor Autoritäten; das Bedürfnis, selbständig zu denken, kennt er nicht. Ihn zu einer andern Ansicht zu bringen ist schwer, mit ihm zu disputieren unmöglich. Man disputiere einmal mit einem Menschen, der fest überzeugt ist, die beste Wissenschaft sei die Medizin, die besten Menschen die Ärzte, die besten Traditionen die medizinischen. In Wirklichkeit hat sich von der recht üblen Vergangenheit der Medizin nur ein einziger traditioneller Brauch erhalten: die weiße Krawatte, die die Doktoren jetzt tragen, und für einen Gelehrten und überhaupt für einen Gebildeten gibt es nur allgemein akademische Traditionen, ohne jede Scheidung in medizinische, juristische usw.; aber Peter Ignatjewitsch kann sich nicht entschließen, das zuzugeben, und ist bereit, mit einem anders Gesinnten darüber bis zum Jüngsten Tage zu debattieren.

Seine Zukunft kann ich mir klar vorstellen. Er wird im Laufe seines ganzen Lebens mehrere hundert außerordentlich saubere Präparate anfertigen, viele trockene, sehr korrekte Referate schreiben, etwa ein Dutzend gewissenhafte Übersetzungen herstellen; aber das Pulver wird er nicht erfinden. Zum Pulvererfinden gehören Phantasie, Erfindungsgabe, Kombinationssinn, und von solchen Dingen besitzt Peter Ignatjewitsch nichts. Kurz, er ist in der Wissenschaft nicht ein Hausherr, sondern ein Arbeitsmann.

Wir drei, ich, Peter Ignatjewitsch und Nikolai, sprechen halblaut miteinander. Es ist uns nicht recht behaglich zumute. Es ist doch ein besonderes Gefühl, wenn man auf der anderen Seite der Tür die Zuhörerschar wie ein Meer lärmen hört. In diesen ganzen dreißig Jahren habe ich mich an dieses Gefühl nicht gewöhnt und empfinde es jeden Morgen mit Mißbehagen. Nervös knöpfe ich mir den Rock zu, richte an Nikolai überflüssige Fragen und ärgere mich über mich selbst. Es sieht ganz so aus, als ob ich feige wäre; aber es ist nicht Feigheit, sondern etwas anderes, was ich weder zu benennen noch zu beschreiben imstande bin.

Ohne daß es nötig wäre, sehe ich nach der Uhr und sage:

»Nun, wie ist's? Wir müssen gehen.«

Und wir schreiten in folgender Ordnung einher: voran geht Nikolai mit den Präparaten oder den großen Abbildungen, hinter ihm ich, und hinter mir wandelt, den Kopf bescheiden gebeugt, das Lastpferd; oder aber es wird, wenn es nötig ist, vor uns her auf einer Bahre ein Leichnam getragen, hinter dem Leichnam geht Nikolai usw. Bei meinem Erscheinen stehen die Studenten auf; dann setzen sie sich wieder, und das Getöse des Meeres verstummt plötzlich. Es tritt Windstille ein.

Ich weiß, worüber ich zu sprechen habe; aber ich weiß nicht, wie ich sprechen und womit ich anfangen und aufhören werde. In meinem Kopfe ist kein einziger fertiger Satz vorhanden. Aber ich brauche nur meinen Hörsaal anzusehen (er ist amphitheatralisch gebaut) und die herkömmlichen Worte: »In der vorigen Vorlesung sind wir bei … stehen geblieben«, zu sprechen, so kommen die Sätze in langer Reihe aus meinem Innern herausgeströmt, und nun bin ich im Zuge! Ich rede mit unaufhaltsamer Schnelligkeit und großer Wärme, und man möchte glauben, daß es keine Gewalt gebe, die den Lauf meiner Rede unterbrechen könnte. Um gut vorzutragen, d. h. so, daß das Interesse der Zuhörer geweckt wird und sie Nutzen davon haben, muß man außer dem Talente auch noch eine gewisse Kunstfertigkeit und Erfahrung besitzen; man muß eine klare Vorstellung von der eigenen Kraft, von der Persönlichkeit der Zuhörer und von dem Gegenstande des Vortrages haben. Außerdem muß man ein energischer Mensch sein, muß scharf beobachten und darf keinen Teil des Gesichtsfeldes auch nur für eine Sekunde aus den Augen verlieren.