Am liebsten aber war er Nizam, wenn oft wochenlang rings dichter Nebel sich breitete, der bei jedem Atemzug im Freien ihre Kehle stach und ihre zarten Händchen erstarren machte.
Da wuchs er in das Unendliche; jede Einzelnheit verschwand, jede Form zerfloß, etwas Riesiges, Märchenhaftes stand da drüben, ein graues Dunstgebilde, das bald in allen Weiten sich verlor, bald greifbar nahe trat, als wolle es zu ihr in die Stube treten.
Ja, oft nahm er jede Gestalt an, die Nizam sich dachte. Bald war er ein riesiger Mann, der die Arme nach ihr breitete, bald ein stattliches Schiff, dessen Masten in den Nebel ragten, bald ein Baum, bald irgend ein Fabeltier.
Sie konnte nicht satt bekommen an der ständigen Wandlung.
Nur wenn das Mondlicht ihn beschien, hier grelle Lichter zauberte, dort schwere, schwarze Schatten, da schien er ihr unendlich traurig in seinem Zerfall, in seiner Verlassenheit, daß ihr oft die Thränen in die Augen kamen; dann aber wieder schreckte sie sich vor ihm, so drohend düster erschien er ihr, so recht ein Abbild des feindseligen Landes, in das sie der Vater geführt. Das war aber nur, wenn der Mond schien.
Heute schien der Mond nicht, stürmisch war es auch nicht, und die Sonne war längst untergegangen. Dicke, schwarze, lautlose Nacht umpreßte das kleine Haus auf Norderoog, nur der Schnee warf dicht am Boden einen bleichen Schein, und doch saß Nizam schon stundenlang am kleinen Fenster und starrte hinaus in die Leere.
Sie war allein; nein, nicht ganz allein, ihr alter Freund Babe kauerte auf der Stange, den Kopf zwischen den Flügeln, ein Kakadu. Das dritte lebende Wesen, welches vor zwei Jahren dem Schiffbruch entgangen. Die Mutter hatte ihn selbst aufgezogen. Es war die letzte Erinnerung an die Heimat.
Oft schwatzte sie mit ihm stundenlang, und er sah sie dann so traurig von der Seite an mit seinen schwarzen Augen. Er hatte wohl auch Heimweh nach dem Sonnenland, obwohl er wie sie auf dem Meere aufgewachsen, im dumpfen Schiffsraume, und von Palmenwäldern und Lotosblumen so wenig wußte, wie seine Herrin.
Sie liebte ihn doppelt, seit sie sich in diesem Lande befand. Sie liebte den rosigen Schimmer seines Gefieders, der so lebhaft abstach gegen alle die kalten, nüchternen Farben ringsum. Sie liebte seinen Zorn, wenn er den Kamm spreizte und die Augen boshaft rollte. Sie liebte selbst sein unharmonisches Gekreische; es war wenigstens eine Stimme in dem ewigen Schweigen ringsum.
Sie hatte gehört, daß er in dem Boudoir der Reichen zum Schmuck und Spielzeug diene, in goldenen Käfigen wohne. Auch das reizte sie, und sie schwelgte in Bildern von Pracht und üppigem Wohlleben inmitten der kahlen Dürftigkeit um sie her.