„Was hast du, Nizam? Warum bist du gekommen — wenn du dich so vor mir fürchtest? Ich fürchte mich vor dir! Vor deinen schwarzen Augen! Vor deinem ganzen Wesen, das mir so fremd und doch — — komm! Ich will ja nur mit dir plaudern! Vielleicht zum letztenmal! Ich werde streng bewacht! Heute ist Knut in Amrum über Nacht, und die Mutter schläft. Wenn wir's versäumen — die Gelegenheit kommt so bald nicht wieder.‟
Da folgte sie ihm. Der Frost schüttelte sie in dem kalten Gemäuer. Die morsche Treppe ächzte und wankte unter seinem schweren Tritt. Fledermäuse umflatterten das Licht, das wie eine Morgenröte seinen Schein aufwärts warf in die schwarze Höhlung. Zerfallene Gänge, aus denen widrige Luft strömte, führten seitwärts, verloren sich in kurzen Windungen. Da und dort blitzten massive eiserne Ringe in der Mauer.
Lars öffnete eine verrostete Eisenthüre.
Nizam staunte. Ein kleines, viereckiges Gemach lag vor ihr. Matten, Wolldecken verkleideten die Wände. Auf einem eisernen Rost brannte ein Kohlenfeuer, den ganzen Raum erwärmend. Ein behagliches Nest inmitten all des Moders. Lars freute sich über ihr Staunen.
„Nun, was sagst du jetzt? Es hat mir wahrlich Mühe genug gekostet, das alles zusammenzustehlen. Ist das nicht ein lauschiges Plätzchen? Friert dich noch? Fürchtest du dich noch?‟
„Nicht, solange du sprichst. Nur sprechen mußt du, Lars, sonst fürchte ich mich.‟
„Sprechen? Oh, das kann ich, hab' keine Sorge. Setze dich nur! Hast du Hunger? Durst? Ich hab' für alles gesorgt. Die Seeräuber, die hier einst hausten, waren nicht besser eingerichtet.‟
„Nein, mich dürstet und hungert nicht. Erzähle mir von den Seeräubern, Lars, ich bitte dich,‟ — Nizam kauerte sich an das Feuer. Ihr Blick ruhte scheu auf Lars.
Und Lars erzählte von den Wogenmännern, die hier gehaust und ihre Beute geborgen, die kostbarsten Schätze, — von Kressen Jacobs Söhnen, die von hier das ganze Meer beherrscht, von den Festen, die sie hier gefeiert mit ihren Geliebten, die sie sich hierhergebracht aus fernen Ländern, und wie das alles zuletzt endete, in Blut und Tod, — wie Cort Wittrich, der letzte, der Schrecken aller Inseln des Nordmeeres, den verdienten Tod fand von der Hand der wackeren Strander und Eiderstedter, die den Turm belagerten.
Nizam hörte gespannt zu, ihre braunen Wangen glühten, und in ihren Augen spiegelten sich alle die lebendigen Vorgänge von neuem ab, das üppige Gelage der Räuber, das lüsterne Lachen der Mädchen, das Kampfgeschrei der Sieger, die Flammen der brennenden Burg — und glühendes Verlangen sprach daraus nach Erlebnissen, was es auch sei, nur nicht diese tödliche Ruhe, nur Leben — Leben! Ihr stummer Eifer riß Lars immer weiter. Er ahnte ihr Sehnen.