Ich war froh, endlich unterwegs zu sein; denn das trockene Wetter hatte mit einer für Borneo seltenen Standhaftigkeit bereits 3 Monate angehalten; die Regenzeit nahte, in den letzten Tagen war bereits eine starke atmosphärische Veränderung eingetreten. Die bis dahin klare, blaue Luft, in der sich nur oberhalb des fernen Gebirges eine weisse Wolkenschicht abhob, wurde täglich grauer und bewölkter, so dass die Regenperiode jeden Augenblick eintreten konnte.
So blickte ich denn bei unserer Abreise voll guter Hoffnung und Selbstbefriedigung auf die mit vieler Mühe zu Stande gebrachte Flotte zurück. In langer Reihe fuhren die Böte dicht am Ufer entlang, um so wenig als möglich durch die Strömung aufgehalten zu werden; aus dem gleichen Grunde suchten wir auch stets die Innenseite der Buchten auf und mussten daher während einer Tagreise den Fluss öfters durchqueren.
Der erste Tag bot keine Schwierigkeiten, weil das Wasser besonders niedrig war; wir konnten sogar Siut erreichen, was uns 1894 und 1896 nicht geglückt war.
Oberhalb Putus Sibau ist der Kapuas nur für Fahrzeuge der Dajak, hāro̱k oder bung genannt, und leichte malaiische Handelsböte schiffbar. Zwar ist stets genügend Wasser im Fluss vorhanden, aber sein in der Mitte oder an den Ufern befindliches Geschiebe verengt ihn bisweilen so stark, dass er bereits bei niedrigem Wasserstande Stromschnellen bildet und bei Hochwasser selbst für Fahrzeuge der Eingeborenen schwer passierbar ist. Vor dem verlassenen Nanga Era trifft man jedoch noch keine Felsen im Fluss oder bergige Ufer; diese bestehen hier noch aus den alluvialen Ablagerungen des Flusses selbst, in die er sich stets von neuem sein Bett gräbt.
Wegen des tiefen Wasserstandes, den wir jetzt hatten, fuhren wir 4–5 m unterhalb des Uferniveaus. Zu beiden Seiten erhoben sich steile, vom Flusse ständig unterspülte Wände. Der Anschnitt zeigte eine Humusschicht von wechselnder Mächtigkeit und darunter eine 3 m dicke Schicht von gelbbraunem Sande, vermengt mit pflanzlichen Überresten, bestehend aus grossen Mengen angehäufter Blätter und Zweige oder aus übereinander geworfenen Baumstämmen. Unter der Sandschicht kam altes Flussgeschiebe zum Vorschein, welches ebenfalls, aber in geringerem Masse, Pflanzenreste enthielt; diese sahen bisweilen der Braunkohle ähnlich. Die oberste Humuslage war nur einige Dezimeter dick, was sich wohl daraus erklären liess, dass die Ufer des Kapuas in dieser Gegend längst des Urwaldes beraubt waren und bereits öfters als trockene Reisfelder gedient hatten. Daher findet man einen dichten Waldbestand auch nur da, wo ihn die Taman Dajak als Begräbnisstätte benützen. Auch an Orten, die durch die Überlieferung geheiligt sind, wird der Wald geschont.
Die Begräbnisplätze der Taman machen auf den Vorüberfahrenden eher einen heiteren als einen finsteren Eindruck: die auf Pfählen stehenden, mit schönen, bunten Zeichnungen verzierten Grabmäler mit ihren zahlreichen Wimpeln aus rotem und weissem Kattun beleben den dunkelgrünen Waldesrand. In der Nähe betrachtet wirken die älteren, verfallenen Grabmäler mit dem wegen der Raubsucht der Malaien halb vernichteten Hausrat: irdenen Töpfen, Gongen, Rudern, Kleidungsstücken u.s.w., welche den Toten ins Jenseits mitgegeben werden, allerdings unheimlich düster.
Die Häuser der Taman werden nicht, wie die vieler anderer Stämme, alle paar Jahre von ihren Bewohnern verlassen; sie sind daher auch von zahlreichen alten Fruchtbäumen: Kokospalmen, Duku, Durian, Rambutan und Blimbing umgeben, die als dunkelgrüne Wäldchen aus Reisfeldern und Gestrüpp hervorragen. In einiger Entfernung vom Hause bepflanzen die Taman ganze Felder mit Bananen; die anderen Fruchtbäume würden dort zu viel von Affen, Eichhörnchen und Vögeln zu leiden haben.
Da unser Zug zum Mahakam bereits monatelang am oberen Kapuas besprochen worden war, strömte bei unserer Ankunft die ganze Bevölkerung von Siut herbei und forderte uns auf, in ihren Häusern zu übernachten.
Der Kontrolleur Barth und ich zogen es vor, unser Nachtquartier im neueren Hause am rechten Ufer aufzuschlagen, während Demmeni und Bier in ihren Böten übernachten wollten. Sie liessen diese mit dem Vorderteil auf eine Geröllbank ziehen und zwar mit dem Resultat, dass, als das Wasser nachts noch weiter fiel, der hintere Teil des Bootes unter Wasser geriet und Bier, bei Tagesanbruch, halb im Wasser liegend erwachte. Das Kajangeleite schlief in den Häusern der Taman, hatte aber in jedem Boot einen Wächter zurückgelassen.
Die Taman waren erfreut über unsere Ankunft und sahen es, wie immer, als Ehre an, uns für eine Nacht als ihre Gäste aufnehmen zu können. Wie auf der vorigen Reise, wurde ich auch jetzt von Leuten, die um Arzneien baten, überlaufen; hie und da kam auch jemand, in der Hoffnung auf besseren Erfolg, mit etwas Reis oder Früchten an. Zu meiner Freude bemerkte ich auch einen meiner früheren Patienten, den ich bereits 1894 behandelt hatte. Man hatte ihn mir damals nach Tandjong Narang gebracht, weil er sich durch einen Fall eine scharfe, hölzerne Pfahlspitze in die Seite, 20 cm weit unter die Haut, getrieben hatte. Mit Hilfe einiger Schnitte und einer Zange gelang es mir, das Holzstück zu entfernen. Die Blutung war nicht heftig, grosse Gefässe waren also nicht verletzt und die Pleurahöhle nicht erreicht; bei der grossen Widerstandsfähigkeit der Dajak sah der Fall also nicht so schlimm aus. Obgleich auch das Fieber abnahm, entwickelte sich doch, einige Tage vor meiner Abreise, eine schwere Pleuritis. Von einer gründlichen Behandlung konnte keine Rede mehr sein und so überliess ich den Kranken, nach Erteilung einiger Vorschriften wegen der Behandlung der Wunde und sonstigen Verpflegung, den Seinen und der Natur. Glücklicher Weise gelang es beiden, die Krankheit zu überwinden. Als ich den Patienten jedoch 1896 wiedersah, litt er so hochgradig unter ständigen Malariaanfällen, dass seine Milz durch die Bauchwand hindurch als dicke Geschwulst fühlbar war. Ich hinterliess ihm daher eine grosse Dosis Chinin mit ausführlicher Gebrauchsanweisung. Mit grossem Eifer musste er den Vorschriften gefolgt sein, denn er kam mir jetzt als kräftiger Mann entgegen und brachte mir als Zeichen seiner Dankbarkeit einige Früchte, allerdings mit der Bitte um eine weitere Dosis Chinin. Bei einer Untersuchung ergab es sich, dass die pleurae an der verwundeten Seite noch verwachsen waren, von einer Hypertrophie der Milz oder Leber war aber nicht mehr viel zu merken.