In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hunde bellen gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak, unter Lakau um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir nicht kamen, um den an dem Malaien Adam verübten Mord zu rächen, wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah, auch mein Bekannter Lakau mit seinen Töchtern, an die ich auf den früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis, nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten, baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali, falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie, der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.
In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden, die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher, unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine Geschenke mit. Unter Tigangs Führung gelangten wir nach einer halben Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander.
Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen, neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell für Brennholz angebracht.
Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut.
Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe Ufermauer wieder hinauf flüchteten.
Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein, machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem Häuptling Lakau ein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte.
Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten, wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft, während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung, Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan.
Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m; die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe, Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.
Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen; ferner, Akam Igau und die Seinen seien weiter an den Mahakam gezogen. Da Demmeni nun auch so weit war, dass er, mit einigen Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen.
Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Bĕtjai gebracht hatte, erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht genügend Proviant für mein Personal.