Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten, sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch noch weiter östlich, was wir vom Lĕkudjang aus nicht hatten sehen können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.
Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse, während genau nach Süden der Batu Lĕsong mit seinen leicht gewellten Gipfel den Gesichtskreis abschloss.
Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt, sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen, wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tĕpai u.s.w. Nur die Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid, aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.
Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle niederen Gipfel. Bier hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum Vorschein kam. Midan brachte uns das ersehnte Frühstück, das er einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden, lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne, grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten, weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten Gipfel stets senkrecht blieben.
Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass, die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.
Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu Mili hinzieht und im Ong Dia am Mĕrasè seinen Abschluss findet. Nach dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.
Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte Bier, um an einem Tage die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange, leicht gewellte Rücken des Batu Lĕsong fällt, ausser an den Stellen, wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden, hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjĕhan aus zwar ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen, weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt; als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten, beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege die Besteigung des Batu Lĕsong später vorzunehmen.
Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung Kwing Irangs, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.
Völlig beruhigt zeigte sich Kwing Irang jedoch erst am folgenden Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte; er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht an mich heranwagten.
Bier begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind, nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich in Begleitung des Pinau Malaien Persat immer weiter um den Fuss des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten.