Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge, welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden, standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum, in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte, Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten.

Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten Menschenfiguren..

Demmeni und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger, daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.

Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich Kwing Irang, warum wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen.

Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjĕhanmündung, um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen, gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken.

In der Nähe der Mündung trafen wir Bier mit seinen Leuten und blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren konnten. Um nicht die Niederlassung von Bĕlarè zu übergehen, sollten wir auf Kwing Irangs Rat dort anlegen, obwohl Bĕlarè und Kaharon sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.

Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für Kwing Irang und die Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige Gelegenheit, um Bĕlarès Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie das neue Haus Kwing Irangs, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt, entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges Heim für Kwing Irang sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten mir aber zu lange und, da Kwing ohnehin in Long ’Kup übernachten wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica, Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten.

Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien Hadji Umar ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. Umar stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in Udju Tĕpu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten, befand sich aber Umar, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten von Samarinda bitten, uns Umar entgegenzusenden. Dieser hatte sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren, erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron, dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate alter europäischer Zeitungen, welche die “Societeit” von Samarinda uns zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica.

Von dem grössten Interesse war uns aber Hadji Umar selbst, weil er die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten Auskunft geben konnte.

Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar nicht nur uns, sondern auch Kwing Irang gegenüber, denn als dieser wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess und Umar ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung schenkten sie einander; dabei hatte Umar früher Jahre lang bei Kwing gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition aussprechen. Augenscheinlich hatte Umar, als er dem Häuptling abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer Expedition anzuschliessen. Umar war mit vier Malaien heraufgekommen, wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. Umar zog vorläufig in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe und Gutmütigkeit hatte Kwing Irang bereits seit dem Beginn seiner Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt, die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung, namens Utas, der mit einer Nichte von Kwing Irang, Lirung, verheiratet war. Utas lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit abwechselnd bei Lirung am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen Kindern lebte.