Inzwischen hatten unsere Pflanzensucher mit grossem Erfolg gearbeitet und wollten allmählich den Rückzug antreten, um auch die Pflanzenwelt weiter unten zu untersuchen. Als Schutz und Hilfe gab ich ihnen einige Malaien mit, bemerkte aber später, dass bis auf zwei alle mitgegangen waren. Zum Glück blieben uns die Kajan übrig, die am vierten Tag alle nach oben kamen, um die letzte Nacht vor unserer Abreise oben zu verbringen. An diesem Morgen schien nämlich zum ersten Mal die Sonne und sie wussten, dass der Tag uns eine genügende Aussicht bieten würde. Sie erwarteten mit Ungeduld unseren Aufbruch, begreiflicher Weise, denn der eine hatte ein Lendentuch, der andere ein Kopftuch oder eine Jacke verbrannt, weil er nachts der Kälte wegen zu nah beim Feuer geschlafen hatte.
Der hohe Punkt des Batu Lĕsong, auf dem wir uns eben befanden, bot uns zuerst einen interessanten Blick auf die Gipfelfläche dieses Gebirges. Diese neigt sich mit nur 8° nach Süden, wird höchstens einen Kilometer breit und erstreckt sich ununterbrochen über die ganze Kette. Nur da, wo die zwischen den Nebenflüssen des Mahakam laufenden Seitenketten von der Hauptkette abzweigen, erhebt sich ein Gipfel, wie derjenige, auf dem wir uns eben befanden. Die Kajan nannten den Gipfel, der sich zwischen dem Blu-u und Ikang erhebt, Batu Tokong und behaupteten, dass auf seiner Südseite der Busang entspringe und an dem südlichen Abhang unseres Gipfels der Lito, ein Nebenfluss des Bĕlatung. Die Gipfelfläche sowie die ganze Landschaft sind vollständig mit ununterbrochenem Urwald bedeckt, aus dem nur die senkrechten hellen Wände des Batu Lĕsong an der Nord- und Südseite scharf hervortreten.
Die langen Nebenketten, die sich nach Norden zum Mahakam hinziehen, fehlen nach Süden, im Tal des Murung; hier sieht man nur breite, wenige Kilometer lange Ausläufer, die zum Flusstal hin senkrecht abfallen.
In kurzem Abstand vom Batu Lĕsong und parallel mit diesem erhebt sich im Süden ein anderer Rücken, der den Busang zwingt, längs des südlichen Fusses des Batu Lĕsong nach Westen zu fliessen; den Namen dieses Rückens und etwas Näheres über ihn konnte ich nicht erfahren. Wegen der allgemeinen Waldbedeckung konnten wir die einzelnen Gebirge am oberen Murung auf grösseren Abstand nicht gut unterscheiden. Nur der Batu Ajo im Osten trat seiner ganzen Länge nach deutlich hervor; sein Gipfel besteht ebenfalls aus einer schmalen, waldbedeckten Fläche, nur ist er niedriger als der des Batu Lĕsong. Besonders auffallend war das Bergmassiv des Bomban im Gebiet des Murung, das sich als schmales, kegelförmiges Gebirge von 1900–2000 m Höhe hinter den vorgelagerten, nicht über 1000 m hohen Ketten erhebt. Ich konnte nun die eigenartigen Terrassenbildungen unseres Sandsteingebirges, die mir vom Batu Mili aus aufgefallen waren, von einem anderen Standpunkte aus betrachten. Die 20 bis 100 m mächtigen Sandsteinlagen aus denen dieses Gebirge besteht, sind im Lauf der Zeit so erodiert worden, dass nach Norden niedrigere Terrassen mit der gleichen schwachen Neigung, wie der Hauptrücken, gebildet sind und zwar ist die Terrassenbildung an der Westseite der Querrücken stärker ausgeprägt als an der Ostseite.
Die Nordseite des Batu Lĕsong zeigt eine eigentümliche Zickzacklinie, in deren einspringenden winkeln je ein Fluss seinen Ursprung nimmt.
Die Berge im Tal des Blu-u machten, da sie ganz mit Wald bedeckt sind, von dieser grossen Höhe aus keinen Eindruck; nur der Kasian und der Mili stachen mit ihren hellen Wänden von dem dunklen Hintergrunde ab. Grossartig war der Blick auf das Kettengebirge am oberen Mahakam mit seiner Fortsetzung längs des Kajanflusses. Einzelne Ketten oder Gipfel waren nicht zu erkennen; es zeigte sich aber, dass von diesem Gebirge Querrücken in die Täler des Oga und Boh, in gleicher Weise wie vom Batu Lĕsong zum Mahakam, verliefen.
Nachmittags, als die Sonne im Sinken begriffen war, erfuhren wir aufs neue, wie sehr die Aussicht nicht nur durch die Wolken, sondern auch durch die Sonne beeinträchtigt werden kann; denn Bier konnte nur mit Mühe einige Gipfel im Norden visieren, da ein bläulichgrauer Dunst die ganze Landschaft einhüllte. Das erhaltene Resultat war aber befriedigend, daher beschlossen wir, diesen ungastlichen Ort am folgenden Morgen zu verlassen.
Die Verteilung unseres Gepäcks unter die noch übriggebliebenen Kajan und Malaien kostete nicht viel Mühe, da unsere Lebensmittel fast erschöpft waren, und so machten wir uns am 26. januarleichten Herzens auf den Rückweg: Unsere Kuli hatten den Weg durch Mooswände und Gestrüpp bedeutend verbreitert und verbessert, daher kamen wir, obgleich die Kletterpartie nach unten doch nass und unangenehm war, schnell vorwärts und erreichten noch vormittags den Lagerplatz vor dem ersten Gipfel, an dem wir alle unsere Leute versammelt fanden.
Sĕkarang hatte seine Zeit besonders gut benützt und während des letzten Tages einen wahren Garten von schönen und seltenen Pflanzen zusammengebracht. Das Herbarium war besonders durch eine grosse Anzahl neuer Baumarten bereichert worden. Alles Material musste lebend mitgenommen und zu Hause bearbeitet werden, da in dieser vor Nässe triefenden Umgebung an ein Trocknen nicht zu denken war.
Unsere Arbeit war nun erledigt und eine schnelle Heimreise wünschenswert, daher dachte ich abends über die Möglichkeit nach, den Mahakam in einem Tage zu erreichen. Der Abstieg musste bequemer sein als der Aufstieg und, da die Flüsse durch den Regen der letzten Tage geschwellt sein mussten, erschien mir die Sache nicht sehr schwierig. Mein Vorschlag fand seitens der Träger geringen Beifall, obgleich diese im Grunde auch lieber zu Hause als in dem nassen Urwald sassen. Sie fürchteten augenscheinlich, einen geringeren Lohn zu erhalten, daher versprach ich ihnen sogleich nicht nur den vollen Lohn, sondern auch eine Extrabelohnung, weil der Zug dank der Anstrengung der Leute in kürzerer Zeit vollführt worden war, als ich erwartet hatte.