Viel später erst kämen wir zur Überzeugung, dass die Sache sich so zugetragen haben musste, dass Lasa dem Utas, als dieser sich lange vor unserer Ankunft nach dem Murung begab, aufgetragen hatte, ihm für das Geld oder die Artikel, welche er ihm mitgab, einen Sklaven oder eine Sklavin zu kaufen. Als Häuptlingssohn fühlte sich nämlich Lasa, um für voll angesehen zu werden, verpflichtet, einen Menschen zu töten. Da bei den Bahau selbst Sklaven nicht verkauft werden und ihm zu einer Kopfjagd Lust oder Gelegenheit fehlte, ergriff er dieses Mittel, um den Anforderungen seiner männlichen Ehre zu genügen; denn, wie an anderem Ort bereits gesagt ist, gilt selbst das Töten einer alten Sklavin bei den Bahau als Zeichen von Mut. Augenscheinlich wollte er sein Geld nicht verlieren und tötete daher die Sklavin, trotzdem wir uns bei Kwing Irang aufhielten. Dabei beging er die Unvorsichtigkeit, die Sklavin zu töten, nachdem sie sich bei den Kajan bereits niedergelassen und gegessen hatte. Aus Furcht, dass wir den Malaien Utas, der in dieser Angelegenheit eine zweifelhafte Rolle gespielt hatte, zur Verantwortung ziehen würden, hielt man uns den wahren Sachverhalt so lange verborgen; vielleicht war er auch nur wenigen bekannt. Auch Lasa schien sich nicht sicher zu fühlen, denn er war sofort nach den Reisfeldern der Ma-Suling, die hoch oben am Mĕrasè lagen, geflohen.
Kaum hatte sich die Aufregung über diesen Mord etwas gelegt, als Berichte aus Long Tĕpai eintrafen, welche die Bevölkerung noch weit mehr beunruhigten. Bald nach unserer Rückkehr vom Batu Lĕsong war Hadji Umar nämlich in Handelsangelegenheiten nach Long Tĕpai gezogen und kehrte am 7. Februar mit der Nachricht zurück, dass er die Bewohner von Long Tĕpai in grosser Aufregung verlassen habe, weil sechs Siang vom Murung, die am oberen Tĕpai Guttapercha suchten, auf Batang-Lupar Dajak gestossen waren, die den Wald unberechtigter Weise ausbeuteten. Die Siang waren mit Erlaubnis des Häuptlings Bo Lea von Long Tĕpai den Fluss bis zu seinem Ursprung hinaufgefahren und hatten in dem für gewöhnlich gänzlich unbewohnten Gebiete hacken gehört. Als sie vorsichtig heranschlichen, sahen sie zwei Männer, die im Begriff waren, eine Sagopalme zu fällen. Durch einen kleinen Hund, der fortlief, aufmerksam gemacht begannen die Männer, dem Berichte nach, mit vergifteten Pfeilen auf die Siang zu schiessen, ohne sie zu treffen, worauf diese mit Gewehrschüssen antworteten. Die beiden Männer ergriffen die Flucht, wurden aber von den Siang verfolgt, die schliesslich auf eine nach Art der Batang-Lupar gebaute Hütte stiessen, die mindestens 30 Personen beherbergen konnte.
Die Bande schien in grosser Eile geflohen zu sein, denn sie hatte Schwerter, Kochtöpfe und eine grosse Menge Guttapercha zurückgelassen. Die Siang, die sich in dieser Umgebung nicht sicher fühlten, kehrten nach Long Tĕpai zurück und nahmen als Beweis für ihr Erlebnis Guttapercha und allerhand Gegenstände mit. Die zweifellose Nähe der Batang-Lupar, vor denen man am oberen Mahakam stets Furcht empfindet, rief bei den Bewohnern von Long Tĕpai einen solchen Schrecken hervor, dass sie sich sofort rüsteten, um auf den Feind loszugehen. Man beschloss jedoch, bevor man zur Tat schritt, sei es auf Anraten Hadji Umars, sei es, weil die Häuptlinge selbst es für sicherer hielten, die Angelegenheit erst mir und Barth vorzulegen. Daher kam Umar uns melden, dass am folgenden Tage Bo Tijung, der älteste, vornehmste und einflussreichste Mann von Long Tĕpai, zu uns kommen werde, um die Sache mit uns zu beraten. Dieser Vertrauensbeweis der Long-Glat, deren Gesinnung uns gegenüber bisher stets zweifelhaft gewesen war, gewährte uns eine grosse Genugtuung, auch freuten wir uns, den Bahau beweisen zu können, dass wir ihnen bei gegebener Gelegenheit ernstlich beistehen wollten. Wir überlegten daher, was in dieser Angelegenheit weiter zu tun sei. Da die Bahau die Batang-Lupar als Kopfjäger sehr fürchteten und die Long-Glat in der Tat allen Grund dazu hatten, weil sie den am Oga an den fünf Batang-Lupar verübten Mord noch nicht gesühnt hatten, war es äusserst wahrscheinlich, dass sie bei einer eventuellen Begegnung sogleich auf ihre Feinde schiessen würden. Hierdurch wären gegenseitige Racheakte und vermehrte Unruhe im Lande veranlasst worden; wir mussten daher trachten, die ganze Bewegung in Händen zu behalten.
Ob sich nur diese kleine Bande Sĕrawakischer Dajak in der Umgegend aufhielt, oder ob sie zu einer viel grösserem gehörte, war gänzlich unbekannt. Als Folge des vor zwei Jahren von den Long-Glat verübten Mordes hatten bereits zahlreiche Gerüchte von Rachezügen seitens der Butang-Lupar, die schon unternommen waren oder erst unternommen werden sollten, die Runde gemacht, und es war daher sehr wohl möglich, dass die entdeckten Buschproduktensucher in der Tat darauf aus waren, sich an den Long-Glat von Long-Tĕpai oder anderen Niederlassungen zu rächen.
Bevor wir über die Anzahl und den Aufenthaltsort der Feinde nähere Auskunft erlangt hatten, konnten wir keine wichtige Massregel ergreifen. Dass die Bahau aber in der Aufregung des Augenblicks zu ruhiger Überlegung und Geduld nicht fähig waren, merkten wir am folgenden Tage, als Bo Tijung mit zwei Böten bei uns landete und nach einem kurzen Besuch bei Kwing Irang uns sogleich seine Aufwartung machte. Sein Bericht stimmte mit dem von Hadji Umar überein, auch hatte er als Beweisstück Guttapercha mitgebracht. Die Batang-Lupar bereiten nämlich die Guttapercha auf eine besondere Art und Weise, die nicht zu verkennen ist. Erstens vermengen sie die Guttapercha stark mit Baumrinde, so dass sie eine schwammige Masse bildet, zweitens formen sie aus ihr viereckige, platte Kuchen, die ungefähr 3 × 5 dm gross und 1 dm dick sind. Die Bahau dagegen, besonders die Siang, vermengen die Guttapercha viel weniger und geben ihr eher eine zylindrische Form.
Bo Tijung hatte eigentlich gehofft, unsere Zustimmung zu erhalten, um mit allen kriegstüchtigen Männern sogleich auf die Batang-Lupar Jagd zu machen, und wollte daher anfangs ernsten Überlegungen kein Gehör schenken. Schliesslich konnte er aber unseren Einwand gegenüber, dass man über Anzahl der Feinde und den Ort, an dem sie zu finden waren, wenig wusste, nicht taub bleiben, auch schätzte er unser Versprechen, mit unseren gut bewaffneten Schutzsoldaten sicher Hilfe leisten zu wollen, sehr hoch. Aus unserem Gespräche, dem bald auch Kwing Irang, Hadji Umar und viele andere beiwohnten, glaubte Bo Tijung herauszuhören, dass wir das Mitnehmen der Guttapercha tadelten, und benützte die Gelegenheit, um seiner inneren Unzufriedenheit über den Lauf der Dinge Luft zu machen. Er äusserte sich heftig über das vermeinte Unrecht, die Guttapercha, die im eigenen Gebiet gestohlen worden war, nicht haben mitnehmen zu dürfen. Hadji Umar machte ihm bald klar, dass wir durchaus nicht dieser Ansicht waren, dass wir in dieser Angelegenheit nur vorsichtig zu Werke gehen wollten.
Die Unterredung mit Bo Tijung zeigte uns, dass, falls wir die Leitung der Dinge behalten wollten, die Gegenwart eines von uns in Long Tĕpai unumgänglich notwendig war, da selbst die Klügsten der Long-Glat kaum noch zu halten waren.
Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein, dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten, eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen wir, dass Barth mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tĕpai ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass Hadji Umar, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte, ihn begleiten sollte. Barth sollte so lange in Long Tĕpai bleiben, bis ich mit Kwing Irang bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich die Reise nach der Küste fortzusetzen.
Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete Kwing Irang nur: “so bald als möglich,” ohne einen bestimmten Termin anzugeben.
Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und Barth fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit Bo Tijungs, flussabwärts.